Eine Position von Schaltzeit zum 25. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 23. – 25. September 2026, Uniklinik Köln
Wir sind Zukunftsforschende, keine Prognostiker. Niemand kann die Versorgung von 2050 vorhersagen, und wer es versucht, verkauft Orientierung, die er nicht hat. Was möglich ist: Zukünfte im Plural durchdenken, Annahmen offenlegen, Handlungsspielräume sichtbar machen – und daraus heute Entscheidungen ableiten. Das Kongressmotto „Menschen. Beziehungen. Organisationen.“ trifft dabei unseren Kern: Die Zukunft der Versorgung ist keine Technikfrage, sondern eine Frage des Zusammenwirkens. Oder kürzer, wie wir es bei Schaltzeit sagen: Zukunft ist Teamsport.
Fünf Fragen, die wir mitbringen
Der Blick auf 2050 wird konkret, sobald man ihn in Fragen übersetzt. Fünf davon nehmen wir nach Köln mit:
- Unter welchen Rahmenbedingungen optimieren wir Versorgung tatsächlich – und nicht nur die Kennzahl, mit der wir sie messen?
- Warum ist das Optimum derzeit nicht bezahlbar? Und wer entscheidet, was wir uns stattdessen leisten?
- Wie kann ich selbst proaktiv werden – als Patient:in, als Angehörige, als Fachperson?
- Wie kann Gemeinschaft das Altern und Erkranken erleichtern, jenseits von Leistungskatalogen?
- Wird Versorgung 2050 regional gesteuert oder zentral geplant – und wie viel Spezialisierung verträgt die Erreichbarkeit vor Ort?
Unsere Position: vier Thesen
Zukunft ist kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Wer 2050 als Prognose behandelt, delegiert Verantwortung an Trends. Wir arbeiten mit mehreren Zukünften parallel – der wahrscheinlichen, der wünschbaren und der unbequemen – und leiten daraus ab, was heute zu tun ist.
Zukunftskompetenz ist Infrastruktur. Ein Gesundheitssystem, das Szenarien nur in Krisen schreibt, ist zu spät dran. Foresight gehört ins Regelgeschäft von Kliniken, Kassen und Kommunen – so selbstverständlich wie Controlling.
Beteiligung ist keine Kür, sondern Methode. Wer 2050 versorgt wird, muss die Zukunftsbilder mitschreiben – Patient:innen, Pflegende, Angehörige. Partizipative Formate liefern nicht nur Akzeptanz, sie liefern Annahmen, die im Fachdiskurs schlicht fehlen.
Technik ist Mittel, nicht Ziel. Nicht alles muss automatisiert werden, nicht alles braucht einen Algorithmus. Die spannende Frage ist nicht, was Technik 2050 kann, sondern welche menschliche Zuwendung wir uns bewusst leisten wollen.
Bei den gesundheitspolitischen Instrumenten halten wir uns bewusst zurück – ob Regionalbudget, Primärarztsystem oder Bürgerversicherung, das ist eine demokratische Abwägung, nicht eine Frage der Zukunftsforschung. Unsere Position betrifft das Verfahren: Wer über 2050 entscheidet, sollte vorher sagen können, woran er Erfolg erkennen will, und wen er dafür gefragt hat.
Zwei Zukunftsvorstellungen, ein Gesundheitssystem: die Yacht mit Robo-Butler und das gekenterte Schiff. Beide Bilder verraten mehr über unsere heutigen Annahmen als über 2050.
Demografie: Versorgung wird zur Teamleistung
Die Größenordnung ist bekannt: Nach der Pflegevorausberechnung des Statistischen Bundesamtes steigt die Zahl der Pflegebedürftigen allein durch die Alterung bis 2055 um rund 36 Prozent auf etwa 6,8 Millionen – bei steigenden Pflegequoten um 2,6 Millionen mehr als heute. 2050 versorgt also eine kleinere Zahl von Professionellen deutlich mehr chronisch und mehrfach erkrankte Menschen. Die Konsequenz ist keine Effizienzschraube, sondern eine neue Arbeitsteilung: erweiterte Pflegerollen, Community Health Nursing, delegierte und substituierte Leistungen, regionale Versorgungsteams. Die offene Forschungsfrage lautet nicht, ob das funktioniert, sondern unter welchen organisationalen Bedingungen es Qualität und Arbeitszufriedenheit gleichzeitig erhöht.
Unsere Erwartung: Der Engpass 2050 ist nicht allein die Zahl der Hände, sondern die Bereitschaft, Verantwortung zwischen Professionen neu zu verteilen.
Dazu kommt ein Faktor, der in Demografiedebatten oft fehlt: das Klima. Hitzeperioden treffen genau jene Gruppen, die 2050 zahlenmäßig größer sind – hochaltrige, multimorbide, pflegebedürftige Menschen. Hitzeschutzpläne, kühlbare Pflegeheime, Frühwarnsysteme und hitzeangepasste Medikationsregime sind damit keine Umweltthemen, sondern Versorgungsplanung. Die offene Frage ist, ob Anpassung 2050 als Regelaufgabe von Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Kommunen organisiert ist – oder weiter als Sommerausnahme behandelt wird.
Digitalisierung und KI: von Dokumentation zu Entscheidung
Elektronische Patientenakte, Datenräume und KI-Assistenz verschieben bis 2050 die Grenze zwischen Routine und Urteil. Interessant ist weniger die Modellgüte als die Einbettung: Wer trägt Verantwortung für eine algorithmisch gestützte Entscheidung, wie verändert sich das Gespräch zwischen Behandelnden und Patient:innen, und welche Evidenzstandards brauchen lernende Systeme, die sich nach dem Zulassungszeitpunkt weiterentwickeln?
Die Erzählungen dazu liegen weit auseinander: Während in Longevity-Kreisen „The End of Death“ für 2046 ausgerufen wird, sorgen sich andere um eine Zwei-Klassen-Medizin, in der Lebensverlängerung kaufbar und Zuwendung knapp wird. Zwischen beiden Erzählungen liegen Entscheidungen, die heute vorbereitet werden: Xenotransplantation und laborgezüchtete Organe verschieben nicht nur medizinische Grenzen, sondern werfen auch die Frage auf, wer Zugang erhält, wer Spender ist und welche Verlängerung von Leben wir kollektiv finanzieren wollen. Wir nehmen beide Bilder ernst, aber halten keines für eine Prognose – sie sind Szenarien, die man gegeneinander durchrechnen kann. Wer sie nur als Weltanschauung behandelt, verschenkt genau die Vorbereitungszeit, die uns noch bleibt.
Partizipation: Patient:innen als Ko-Produzenten
Beteiligung wird 2050 nicht mehr am Ende der Wertschöpfungskette abgefragt, sondern bestimmt deren Anfang. PROMs und PREMs wandern von der Studie in die Steuerung, Co-Design wird zum Regelverfahren in der Entwicklung von Versorgungsangeboten. Das verlangt von der Versorgungsforschung Methoden, die Erfahrungswissen belastbar machen, ohne es zu glätten.
Hier positionieren wir uns deutlich: Ein Zukunftsbild, an dem keine Patient:innen mitgeschrieben haben, ist kein Zukunftsbild, sondern eine Planungsannahme.
Strukturen und Finanzierung: Anreize für Zusammenarbeit
Deutschland gibt viel aus: 538,2 Milliarden Euro im Jahr 2024, 6.444 Euro pro Kopf, 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – 1994 waren es 175,3 Milliarden Euro und 9,5 Prozent. 48,2 Prozent flossen in ambulante, 36,7 Prozent in (teil-)stationäre Einrichtungen, und den stärksten Zuwachs verzeichnete mit 11,3 Prozent die soziale Pflegeversicherung. Sektorengrenzen und leistungsbezogene Vergütung sind dabei die wirksamsten Bremsen einer integrierten Versorgung.
Im Gespräch sind derzeit sehr unterschiedliche Instrumente – Primärversorgungssysteme, integrierte Notfallzentren, weitere Ambulantisierung, Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeit, Regionalbudgets, ergebnisbezogene Vergütung bis hin zu einer Bürgerversicherung. Welche Kombination trägt, ist offen; interessant ist für uns weniger die politische Entscheidung als die Frage, woran man ihr Gelingen 2050 erkennen würde. Ob sich Qualität 2050 vor allem auf der regionalen Ebene entscheidet – in Versorgungsnetzwerken mit gemeinsamer Verantwortung für Populationen, Budgets und Ergebnisse – oder in stärker zentral geplanten, spezialisierten Strukturen, ist eine der offenen Fragen.
Hier liegt auch die Antwort auf die Bezahlbarkeitsfrage: Das Optimum ist heute nicht deshalb zu teuer, weil gute Versorgung teuer wäre, sondern weil unser System Doppeluntersuchungen, Drehtüreffekte und Reibung an Sektorengrenzen mitfinanziert. Die Forschungsaufgabe ist anspruchsvoll: Wirkung solcher Systeme lässt sich nicht im randomisierten Design allein nachweisen.
Unsere Einladung: Denk mit uns weiter
Schon 2025 in Hamburg waren wir mit der Advanced Foresight Group dabei – nachzulesen im Rückblick „Wohin steuert die Versorgung? Advanced Foresight auf dem DKVF 2025″. Schaltzeit ist in diesem Jahr erneut auf dem DKVF vertreten, gestaltet aktiv einen Workshop – und arbeitet dabei mit LEGO® Serious Play. Gebaute Modelle machen Annahmen sichtbar, die in Diskussionspapieren unausgesprochen bleiben: Wer steht im Zentrum? Was wird delegiert, was bleibt menschlich? Wo kippt Fortschritt in Ungleichheit?
Mit am Start ist auch unser Zukunftsorakel – kein Antwortautomat, sondern ein bewusst spielerischer Einstieg ins Szenariodenken. Ergänzend laden wir an unserem Stand ein, deine utopischen und dystopischen Gedanken zur Versorgung 2050 zu platzieren. Wir sammeln die Beiträge über die drei Kongresstage, verdichten sie zu einem Zukunftsbild und spielen die Ergebnisse an die Community zurück.
Widersprich uns. Wir kommen nicht mit einem fertigen Zukunftsbild nach Köln, sondern mit Thesen, die wir gern beschädigt sehen – die tragfähigen Ideen entstehen nicht am Rednerpult, sondern im Gespräch dazwischen. Woher der Antrieb dafür kommt, haben wir in Mut zur Zukunftsgestaltung beschrieben.
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