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re:publica26 Teamausflug

Drei Tage Berlin, STATION, re:publica. Drei Tage Bildungsurlaub, in denen wir uns als Schaltzeit-Team aus dem Projektalltag herausziehen und jede*r aus unserem Team durch die bunte Konferenz wuselt, um neue Impulse zu verschiedensten gesell-schaftspolitischen Themen aufzuschnappen. Das ist bei uns Tradition. Die Konferenz gibt es ähnlich lange wie unsere Firma, und es ist immer wieder aufs Neue schön dort zu sein.
Die thematischen Schnittmengen zu unserer Arbeit sind auch in diesem Jahr groß: KI, digitale Souveränität, Demokratie unter technologischen Bedingungen, Beteiligung, Zukunftsforschung. Kaum ein Thema unserer Projekte, das hier nicht in mehreren Sessions verhandelt worden wäre. Was uns hängen geblieben ist, in welchen Talks wir uns wiedergefunden haben, erzählen hier verschiedene Stimmen aus unserem Team.
Da wir teils zum Ausschweifen neigen hier die Shortcuts für euch, wenn ihr nicht alles lesen wollt:
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Lucas Buchauer

Nicht ob KI, sondern wessen KI

Drei Tage re:publica, und ich gehe mit einer Frage raus: nicht ob KI, sondern wessen KI?

Karen Hao hat in ihrer Opening Keynote den Ton gesetzt – sie hat gerade ein Buch über OpenAI veröffentlicht, das von innen beschreibt, wie aus einem Forschungslabor ein Konzern mit imperialer Logik wurde. Ihr Bild für die zwei Wege, KI-Modelle zu bauen: Rockets gegen Bicycles. Die Rockets sind die Allzweck-Modelle, die wir alle nutzen, ChatGPT, Gemini, Claude, getrieben vom Mantra „Scale at all costs“. Die Bicycles sind das Gegenmodell, kleine spezialisierte Systeme wie AlphaFold, das Probleme in der Proteinforschung löst, an denen die Wissenschaft jahrzehntelang gescheitert ist. Haos Pointe: „Scaling is not bringing us innovation, it’s costing us innovation.“ Die Kosten sind messbar: KI-Rechenzentren könnten bis Ende des Jahrzehnts das Anderthalb- bis Dreieinhalbfache der deutschen Jahresstromerzeugung verbrauchen, und dass die Chatbot-Antworten, die wir täglich nutzen, sauber wirken, liegt daran, dass Klick-Arbeiter*innen in Kenia für teils 1,46 bis 3,74 Dollar pro Stunde traumatische Inhalte aussortieren.

Wer aber baut diese KI? In diesem Jahr ist „Broligarchy“ endgültig im Vokabular angekommen, nicht als Polemik, sondern als nüchterne Beschreibung. Quinn Slobodian, Historiker des Neoliberalismus, hat dafür den Begriff „Muskism“ geprägt: Musk hat mit Starlink, X und xAI eine vertikal integrierte Struktur gebaut, in der sich politische Stimmungen automatisieren lassen. Es geht nicht mehr um Tech-Konzerne, die Dienstleistungen anbieten, sondern um Akteure, die mitregieren – mitentscheiden wollen. Annette Zimmermann (Philosophin, KI-Ethikerin) hat dazu den präzisesten Begriff geliefert: AI Exceptionalism. Die bequeme Erzählung, KI sei zu komplex für demokratische Kontrolle – also überlässt man die Sache den Konzernen, die sie bauen. Das ist keine Beschreibung der Lage, sondern eine freiwillige Selbstentmündigung.

Wie weit das schon getragen hat, wird konkret in Deutschland: Vier Bundesländer setzen mittlerweile Palantir-Software für automatisierte Polizeianalysen ein, oft ohne wissenschaftliche Evaluation. Rainer Mühlhoff (Philosoph, Uni Osnabrück) hat dazu die Formel geliefert, die ich nicht mehr loswerde: „KI ist Menschensortiertechnologie.“ Daraus folgt für mich beruflich die wichtigste Verschiebung: Digitale Souveränität ist keine Idee mehr, über die wir auf Panels diskutieren. Sie ist eine Infrastrukturfrage. Welcher Stack, welche Modelle, welche Cloud, welche Verträge. Wer die Infrastruktur der anderen nutzt, bekommt deren Politik mitgeliefert. Hito Steyerl hat dazu zwei Sätze geliefert: „Start building your own stack.“ Und: „Friction is the medium of reality.“ Reibung ist kein Bug. Aushandlung, Verzögerung, Widerspruch – genau das, was die Tech-Imperien wegoptimieren wollen, ist es, was Demokratie ausmacht.

Damit bin ich beim eigentlichen Kern der drei Tage. Die re:publica ist im Untertitel eine Konferenz über die digitale Gesellschaft, in der Substanz aber eine Konferenz über Demokratie unter technologischen Bedingungen. Egal welcher Talk – das Grundthema war dasselbe: Eine demokratische Gesellschaft ist kein Hintergrundrauschen, vor dem sich Technologie entfaltet, sondern selbst eine Errungenschaft, die gegen die Logik der Tech-Imperien aktiv verteidigt werden muss. Das passiert nicht in großen Gesten, sondern in den unscheinbaren Sachen: welche Software eine Behörde kauft, welches Modell wir in unseren Tools verbauen, welche Fragen wir stellen, bevor wir eine Lösung beschaffen.

Für unsere Arbeit bei Schaltzeit nehme ich mit: KI bleibt ein zentrales Werkzeug, aber die Frage, welche KI wir nutzen und wem sie gehört, wird wichtiger als die Frage, ob wir sie nutzen. Zukunft wird gebaut, nicht vorhergesagt. Die Frage ist nur, von wem – und ob wir uns einmischen.

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Fenja Hentschel

Drei Tage Spagat

Ehrlich gesagt war es für mich kein einzelner Talk, der hängen geblieben ist, sondern die Vielfalt an Themen, die mich beeindruckt hat: An einem Vormittag saß ich bei der Bundesbank zum digitalen Euro (überraschend nicht trocken), nachmittags im Atrium 1 zwischen Marinettis Futurismus-Manifest 1909 und heutigen Akzelerationisten wie Nick Land, zwischendrin habe ich Düzen Tekkal zugehört wie sie über digitale Gewalt – 96 Prozent aller Deep Fakes sind sexualisierte Inhalte, 99 Prozent davon richten sich gegen Frauen* – spricht.

Diese Vielfalt ist anstrengend, aber sie ist auch der Punkt. Selten habe ich auf einer Konferenz so deutlich gespürt, dass die Themen, die wir getrennt diskutieren – Tech-Ideologie, Demokratie, Misogynie, Infrastruktur, Souveränität – irgendwie am selben Faden hängen.

Johannes brachte es in seinem Talk zum Tech-Hype auf den Punkt: „Zukunft wird gebaut, nicht vorhergesagt.“ Als Zukunftsforscherin bliebt das direkt hängen. Drei Tage lang dieselbe Machtfrage aus mehreren Richtungen: Wer baut hier eigentlich woran – und wer kommt darin vor?

Was hängen bleibt: Schön, drei Tage in einer Bubble unterwegs zu sein, in der Werte geteilt werden.

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André Winzer

Never Gonna Give You Up – warum die re:publica mehr für mich ist als eine reine Konferenz

Re:publica – jedes Jahr ein Teamausflug für die gesamte Schaltzeit Crew.

Zu den bekannten Köpfen hinter der re:publica gehören u.a. Tanja Haeusler, Markus Beckedahl, Johnny Haeusler und Andreas Gebhard. Ich habe sehr viel Respekt vor diesem Organisations-Team, vor diesem Fomat, vor dieser Eventkomplexität! Gemeinsam mit einem Team von ca. 25 Personen sowie mehreren hundert Freiwilligen managen Sie die 1.000+ Speaker:innen. Das Programm soll live gestreamed werden, in verschiedenen Sprachen als Audio bereitstehen und dann über eine App für alle verfügbar sein. Das W-LAN soll funktionieren – und das für 30.000 Personen. Die Inhalte und Speaker-Auswahl sind sicher auch ein schweres Los, denn auch international muss der Austausch klappen. Inhalte sollen aber auch ohne Kosten Reichweite erzielen. Sie müssen bearbeitet und eingestellt werden.

Es ist politisch. Die Tech-Branche als sogenannte „Broligarchie“ wird nicht mehr glorifiziert, weil das Verständnis von Tech und Geld dazu führt, dass wir über unsere eigene Tech-souveränität nachdenken müssen.

Das Motto „Never Gonna Give You Up“ ein Aufruf: „Die re:publica mit all ihren Menschen dahinter, glaubt an uns und gebt uns nicht auf! Wir dürfen uns auch nicht aufgeben!“

Dabei ist es sehr häufig eine Situation in der wir bewusst auf Bequemlichkeit verzichten müssen, um die Auswirkungen zu kontrollieren. Dazu sind wir Menschen nicht immer bereit. Wie jedoch wehrt sich eine Zivilgesellschaft? Wie verteidigen wir uns gegen Rechtsautoritarismus?

Für mich ist die re:publica vor allem eins: Ein Ort des Nachdenkens. Über uns, über mich und welche Veränderungen es zukünftig geben wird. Als Mann und Vater habe ich bewusst Sessions zu Feminismus & digitaler Gewalt besucht. Dabei war auch die Systematisierung von Ingrid Brodnig ein Augenöffner. Das signierte Buch samt der Systematisierung, welche Formen des Abwertens und Herabwürdigens von Frauen es gibt, fand ich sehr aufschlussreich. Auch für die Erziehung meines Sohnes.

Zu Polarisierung fand ich den Beitrag von Nils C. Kumpkar sehr spannend. Wir nutzen das Konstrukt der Polarisation, um selbst eine Dringlichkeit für unsere Themen zu schaffen. Das heißt egal welche Partei oder welches Thema, Feindbilder zu schaffen sorgt dafür, dass wir für unsere Themen eine Aufmerksamkeit schaffen. Auch die Dringlichkeit ist dann schnell erzeugt. Ob der Untergang des Abendlandes, die Überfremdung im eigenen Land, der ökologische Biozid oder die nicht mehr arbeitend wollende Bevölkerung. Nutze eine Zeit, schaffe ein Bild und verbinde die Themen, so dass ein emotionaler Kick einsetzt, die Empörung oder die Zustimmung. Dann sind auch keine Argumente mehr nötig.

In dieser Woche starten auch die Enhanced Games, die sehr kontrovers sind. Was aber, wenn wir nicht nur unseren Körper tunen können, sondern auch unser Gehirn? Psychotechnologie sorgt dafür, dass wir neuronale Netze in unserem Gehirn besser und schneller ausbilden können – Surjo R. Soekadar zeigte eindrucksvoll, dass diese neue Form auch für mehr Inklusion sorgen kann und auch psychische Krankheiten wie PTS gut behandelt werden können. Natürlich werden wir auch hier wieder datengetrieben optimieren. Ob aus Leistungswillen oder um den ultimativen Trip zu bekommen. Responsible Innovation heißt auch auf mehr Selbstbestimmung und mentale Freiheit zu setzen.

In der heutigen Zeit sind 3 Tage Konferenz schon ein echter Luxus. Am dritten Tag musste ich einen ICE nach Frankfurt erwischen. Dank App und Powerbank konnte ich die gesamte Zugfahrt unterbrechungslos dabei sein. Mein Kompliment an die Bahn und an den Livestream der re:publica. Dabei hörte ich gespannt Frauke Fischer zu, die darüber sprach, ob KI die Natur retten kann. Dabei wurde aus unserem Ökosystem ein Ökowarning-System. KI erkennt dabei Tiere wie die Walhaie an ihrer Musterung. Die Veränderung der Tiere in ihren Lebensräumen, gepaart mit all den Daten gibt uns Aufschluss, was funktioniert und welche Zusammenhänge in der Natur existieren.

In diesem Jahr war für mich leider kein gemeinsames Abschlusssingen dabei. Aber klar ist: Wir sind im nächste Jahr wieder da. Es tut meiner Seele gut, so viele Menschen zu treffen, die nicht einfach akzeptieren, dass die Welt so ist wie sie ist. Die darüber nachdenken, welche Grenzen wir brauchen und was in allem gut für uns als Gesellschaft ist.

Getreu diesem Motto, glaube ich auch fest an euch alle. I will… „Never Gonna Give You Up“!

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André Schulz

Zwischen technischer Selbstermächtigung und der Verteidigung demokratischer Grundfesten

Die re:publica fühlte sich in diesem Jahr wie eine intensive Bestandsaufnahme unserer digitalen Zivilisation an, die zwischen technischer Selbstermächtigung und der Verteidigung demokratischer Grundfesten schwankt. Mein Rückblick beginnt unweigerlich mit Angela Merkel, die beim WDR-Europaforum als „politische Bürgerin“ eine fast prophetische Ruhe ausstrahlte. Sie reflektierte sehr offen darüber, wie sich die politische Arbeit durch das Netz verändert hat. Angesichts der aktuellen Verwerfungen stellte sie nüchtern fest: „Ich glaube, dass es auch durch die Digitalisierung durch die vielen sogenannten sozialen Medien sogar schwieriger geworden ist, auch Stabilität zu haben“.

Zur Frage, als sie nach einer möglichen Rolle als Vermittlerin im Krieg gegen die Ukraine angesprochen wurde erteilte die Bundeskanzlerin a.D. eine klare Absage, da sie der Überzeugung ist, dass eine solche Vermittlung untrennbar mit aktueller politischer Macht verbunden ist und daher in der Verantwortung derjenigen liegt, die heute im Amt sind. „Ich persönlich wäre jetzt nicht auf die Idee gekommen, einen Vermittler zu fragen, ob er für mich nach Minsk fährt und so mit Putin spricht. […] Das sind doch heute agierende Politiker.“ Stark war auch ihr Plädoyer für einen inklusiven Volksbegriff: „Die AfD versucht zu definieren, wer das Volk ist. Und da kann ich nur jeden in diesem Saal und der zuguckt bitten: Jeder deutsche Staatsbürger ist das Volk. Und da gibt’s niemanden, der einteilen darf. Du bist Volk und du bist Elite. Ich bin Volk und sie alle sind Volk und wir sind gemeinsam Volk. Und das sind die Dinge: Kompromiss, Fakten – und jeder deutsche Staatsbürger hat die gleichen Rechte und Pflichten und gehört zum deutschen Volk.“ Als sie einräumte, dass es wichtig sei sich vor allen Dingen nicht immer indirekt über die AfD zu definieren, gab es viel Applaus. Eindringlich warnte sie davor, dass Stimmungen niemals Fakten ersetzen dürfen, da wir uns sonst auf einem „wirklichen Holzweg“ befinden.

Dass viele Politiker und CEOs diesen Fakten-Check und den Anschluss an die heutige Realität längst verloren haben, brachte Carline Mohr bei „Natürlich hört euch niemand zu!“ auf den Punkt. Sie diagnostizierte eine tiefe Krise bei Machtmenschen, die noch immer kommunizieren wie im Jahr 1987, während sich die Welt um sie herum längst digitalisiert hat. In diesem Zusammenhang wurde deutlich, dass die technologische Aufrüstung durch KI das Problem oft nur verschlimmert, da die so erzeugten KI-Texte meist erschreckend mittelmäßig bleiben und lediglich als „AI-Slop“ den digitalen Raum fluten. Diese Mittelmäßigkeit führt dazu, dass in einem Meer aus generiertem Content die echte Aufmerksamkeit verloren geht und am Ende eben doch niemand zuhört.

Einen technologischen Gegenentwurf zu dieser Ohnmacht der „alten Welt“ lieferte der Vortrag „OpenClaw – Anatomie der kommenden Welle“ von Stephan Noller und Benedikt Köhler, welche für mich nebenbei die besten Folien und das schickste Folien-Design der gesamten Konferenz boten. Ihre Lösung „HybridClaw“ zeigt, dass man für mächtige KI-Agenten „kein Gigawatt-Rechenzentrum“ braucht, sondern diese souverän auf einem Raspberry Pi im eigenen Netzwerk betreiben kann. Es entstand bei mir sofort der Wunsch, ab sofort LLMs nur noch selbst zu hosten, statt jeden Gedanken in teure Tokens umzuwandeln, die nur die Kassen der großen AI-Tech-Konzerne füllen. Projekte wie Open Claw oder auch HybridClaw sind im Grunde „gelebte Reibung“ statt Silicon-Valley-Vakuum, da man jeden Schritt der Maschine in einfachen Textdateien definieren und mitverfolgen kann. Diese technische Unabhängigkeit funktioniert jedoch nur, wenn wir die gebotenen Möglichkeiten auch wirklich beherrschen, was Hendrik Heuer in seinem Talk über „Vibe Coding“ kritisch hinterfragte. Zwar ist Englisch nun die „angesagteste neue Programmiersprache“, doch Heuer warnte auch vor dem Trugschluss der Geschwindigkeit. Das Problem ist, dass man beim „Vibe Coding“ – also dem schnellen Erzeugen von Code durch KI – die wichtigste Vorarbeit, die Klärungsarbeit und die Test-Aspekte, oft in ihrer benötigten Detailtiefe einfach überspringt. Software ist Verhalten, und dieses Verhalten muss in komplexen Situationen sicher sein, anstatt ungeprüft online zu gehen, wo es reale Menschen und Organisationen gefährden kann.

Dieser Verlust an Kontrolle und Verständnis auf technischer Ebene spiegelt sich in der politischen Abhängigkeit wider, die auch Annette Zimmermann wie viele andere als „Broligarchy“ bezeichnete. Sie kritisierte auch eine „erlernte Hilflosigkeit“ der Politik gegenüber Tech-Giganten und forderte, dass die Gestaltungsmacht über KI wieder zurück in die Hände der Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger (Demos) wandern muss. Wie manipulierbar diese Systeme sind, zeigte der „KI-Stresstest“ zum Thema Milch, in dem Simone K. Frey und Jakob Vicari nochmals aufzeigten, wie krass KIs zur „Psychofancy“ (Schleimerei) neigen und uns oft nur nach dem Mund reden, statt Fakten zu liefern. Besonders bei regionalem Wissen versagen die globalen Modelle: So behauptete eine KI fälschlicherweise, dass Kühe bei der deutschen „Haltungsform Stufe 1 dauerhaft im Stall stehen und oft angebunden sind“ – eine Information, die schlichtweg falsch ist.

Wie kreativ und gleichzeitig entlarvend die technischen Möglichkeiten heute genutzt werden können, demonstrierte die investigative Session „Talk mit Elon“. Die Tech-Journalistin Eva Wolfangel berichtete, wie sie im März 2025 – nachdem sie eine Nachricht auf Signal zunächst ignoriert hatte – beschloss, das Spiel mit einem „Elon Musk“-Scammer mitzuspielen. Sie gab sich als Journalistin mit Marketing-Expertise aus und schaffte es tatsächlich, vom Scammer für SpaceX und Tesla „eingestellt“ zu werden. Dabei drehte sie den Spieß um und nutzte selbst massiv KI gegen den Betrüger, ließ sich von ChatGPT hochprofessionelle Marketingkonzepte und Präsentationen erstellen, um den Scammer bei Laune zu halten. Gleichzeitig baute sie gezielt „Friction“ (Reibung) in den Prozess ein, indem sie unter Beteiligung von ChatGPT zwei fiktive Steuerberater erfand – Dr. Hartwick und Eduard Gundlach –, die dem Scammer das Leben schwer machten und immer neue Dokumente forderten.

Der Höhepunkt dieses „Gegenangriffs“ war eine fast schon absurde Form des Zeitdiebstahls: Eva Wolfangel schickte dem Scammer KI-generierte Bilder von Steam-Geschenkkarten. Da die auf den Bildern sichtbaren Codes nicht funktionierten, zwang sie den Betrüger dazu, die Zahlen mühsam von Hand abzutippen und sich über Fehlermeldungen zu ärgern. Um den Scammer völlig zu verwirren, sendete sie ihm schließlich ein KI-generiertes Foto des „echten“ Elon Musk, der genau diese gefälschten Karten in der Hand hielt, mit der frechen Bemerkung, sie habe die Karten bereits an den „echten“ Elon geschickt. Es entwickelte sich ein bizarres „postmodernes Endspiel“, in dem ein Scammer-Bot und eine Journalistin gegeneinander antraten, bis der Betrüger entnervt fragte: „What the fuck are you the real scammer?“. Eva Wolfangel zeigte mit diesem Experiment, dass KI eben nicht nur ein Werkzeug für Kriminelle ist, sondern mit Humor und Kreativität auch für die Aufklärung und Verteidigung genutzt werden kann.

Doch während wir gerade noch über Scammer lachen, rüstet der Staat mit „Palantir-Gesetzen“ auf, die tief in unsere Grundrechte eingreifen. In der Session von Franziska Görlitz und Constanze Kurz wurde deutlich, dass wir uns an einem kritischen Kipppunkt befinden. Der US-Konzern Palantir, ein langjähriger Militärvertragspartner, stellt mit seinem Produkt „Gotham“ (in Deutschland oft unter Namen wie HessenDATA bekannt) eine Software bereit, die der Konzern selbst als „digitale Waffe“ bewirbt. Hinter dem Unternehmen gleichermaßen schillernde wie umstrittene Figuren wie der Milliardär Peter Thiel (ein früher Trump-Unterstützer) und CEO Alex Karp, der das Image eines „Mad Scientist“ pflegt und seinen Konzern stolz als vollständig „anti-woke“ positioniert. In den USA wird die Software bereits für die Lokalisierung und Deportation von Menschen eingesetzt – Bilder, die uns als Warnung dienen sollten, was mit solchen Tools technisch möglich ist.

In Deutschland ist die Software in verschiedenen Bundesländern im Einsatz. Das Problem sind die gesetzlichen Grundlagen für diese automatisierten Datenanalysen, die es der Polizei erlauben, riesige, heterogene Datenbestände zusammenzuführen, um „neues Wissen“ zu generieren. Dabei werden massenhaft Daten von völlig unbescholtenen Bürgerinnen und Bürgern mitanalysiert, die etwa als Zeugen eines Unfalls oder Opfer eines Fahrraddiebstahls in polizeilichen Datenbanken gelandet sind. Dies führt zu einem massiven „Chilling Effect“: Menschen fangen an, ihr Verhalten zu ändern, meiden Demonstrationen oder politische Treffen, nur um nicht fälschlicherweise in das Visier eines Algorithmus zu geraten. Das betrifft beispielsweise auch (vermittelnde) Fanbeauftragte beim Fußball, die natürlich immer in der Nähe von gewaltbereiten Fußballfans zu finden sind um Situationen einschätzen und vermeiden zu können. Obwohl das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2023 in einem wegweisenden Urteil entschieden hat, dass solche Analysen nur bei konkretisierten Gefahren für besonders gewichtige Rechtsgüter zulässig sind und der Gesetzgeber die Polizei streng anleiten muss, wird dies in der Praxis oft ignoriert. In Hessen etwa besteht die gesetzliche „Anleitung“ zur Vermeidung von Diskriminierung durch Algorithmen aus lediglich einem einzigen, vagen Satz, was von Experten als krasse Missachtung des Urteils kritisiert wird. Zudem fehlen bis heute unabhängige wissenschaftliche Evaluationen, die belegen würden, dass diese millionenteuren Tools die Gefahrenabwehr tatsächlich effektiver machen. Stattdessen begeben sich die Bundesländer in eine gefährliche Abhängigkeit von einem privaten US-Unternehmen (Vendor Lock-in), das Zugriff auf sensibles polizeiliches Insiderwissen erhält. Besonders besorgniserregend ist der Trend, diese Befugnisse nun auch auf Geheimdienste wie das Bundesamt für Verfassungsschutz auszuweiten, oft sogar ohne ausreichende Rechtsgrundlage. Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen, droht eine schleichende Zersetzung unserer demokratischen Freiheitsrechte durch algorithmische Massenüberwachung.

Einen der ernüchterndsten Konferenzpunkte bildete generell die Auseinandersetzung mit digitalem Faschismus. Es ist erschreckend, wie die AfD KI-generierte Inhalte und „normschöne“ Avatare wie „Larissa Wagner“ nutzt, um parasoziale Beziehungen zu Wählern aufzubauen und Desinformation zu verbreiten. Diese Strategien wurden in verschiedenen Beiträgen betrachtet, verbunden mit Warnungen vor einem „autoritären Umbau“, der oft unspektakulär in „dunklen Ecken“ der Ministerien beginnt und die kritische Zivilgesellschaft durch das Streichen von Haushaltsposten lahmlegen kann. Max (Maximal Demokratisch) berichtete von den persönlichen Gefahren und Drohungen, denen man ausgesetzt ist, wenn man sich in Kleinstädten dem rechten Mainstream entgegenstellt. Er forderte Journalist*innen und Creator*innen auf, den „Katastrophenmodus“ zu verlassen und stattdessen auch positive demokratische Nachrichten aus Regionen wie Sachsen-Anhalt zu senden, um die rechte Dominanz nicht zur Normalität werden zu lassen. In diesem Kontext rief auch Arne Semsrott zum Aufbau einer „Gegenmacht“ auf, um der autoritären Wende durch eigene Strukturen und produktive Konflikte zu begegnen.

Die re:publica 26 war somit wieder ein lauter Weckruf. Es ist unsere Pflicht, algorithmisch gesteuerten Hass aktiv zu begegnen und die digitale Souveränität zurückzugewinnen, bevor die Grenze zwischen Fakt und Fiktion endgültig eingerissen wird.

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Magdalena Soetebeer

Der Bubble-Vorwurf: Wer darf bei der re:publica mitmachen?

Zukunft ist politisch. Die re:publica, auf der so viele Zukunftsfragen verhandelt werden, dementsprechend auch. Wer Interesse an differenzierten, konstruktiven Debatten zu Klimaschutz, KI, Tech-Oligopolen, Demokratie oder weiteren gesellschaftspolitischen Themen hat, ist hier richtig.

Dass die Konferenz eine progressive Schlagseite hat, wird ihr oft vorgeworfen – als sei sie ein abgegrenzter Wohlfühlraum mit „ideologischer Reinheit“ für die „aufgeklärte urbane Klasse“, wie es jüngst im Spiegel hieß. Zwar ist mit Vertreter*innen von der Linke bis CSU ein breites Spektrum demokratischer Parteien vertreten, doch man merkt schnell, wer mehr Applaus vom Publikum bekommt. Der Vorwurf einer Überrepräsentation der „links-grünen“ Bubble auf der Veranstaltung mag also nicht aus der Luft gegriffen sein. Dazu ein bescheidener Kommentar:

Ich finde das nicht schlimm. Im Gegenteil: Es tut gut, drei Tage im Jahr eine Veranstaltung zu besuchen, die vorrangig progressive Ideen aus verschiedenen Winkeln diskutiert und nach Wegen sucht, unsere Demokratie zukunftsfähig zu gestalten. In einen „ein Stück weit utopischen Raum mit einem starken Community-Spirit“, wie Isabella Hermann es auf einem Panel formuliert hat. Es tut gut, Diskussionen zu folgen, bei denen sich nicht – wie in so vielen Talkshows – vor lauter False Balancing die Balken biegen.

Willkommen sind auf der re:publica meines Erachtens alle, die sich auf einen konstruktiven, die Menschenwürde achtenden, Kompass einigen können. Dass sich davon vor allem Progressive angesprochen fühlen, sehe ich nicht als Problem der re:publica.

Beispielsweise hatte letztes Jahr auch Friedrich Merz einen Auftritt, der sich ja gerne selbst als Teil der Mittelschicht und der Mitte der Gesellschaft versteht. Ob er dieses Jahr nicht wieder da war, weil Merkel da war? Ich weiß es nicht. Von einer forcierten Abschottung der Bubble gegenüber konservativen Stimmen kann jedenfalls nicht die Rede sein. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) war beispielsweise wieder unter den prominenten Speakern. Ob Markus Söder, den dieses Jahr sein Parteikollege Markus Blume auf einer re:publica-Bühne verteidigte, nicht selbst vor Ort ist, weil nur vegetarische Burger auf der Speisekarte standen? Oder weil einen anstatt Bierzelt-Applaus differenzierte Zukunftsdebatten erwarten? Auch das weiß ich nicht. Aber Spaß beiseite. Mein Eindruck ist nicht, dass konservative Positionen von der Konferenz ausgegrenzt werden – dass sich manche Weltbilder bei den Themen und kritischen Debatten der Konferenz nicht wohlfühlen und ihr lieber fernbleiben, ist etwas anderes.

Den Kritikpunkt fehlender Inklusivität teile ich auf der Ebene des gesellschaftspolitischen Spektrums jedenfalls nicht. Auf einer anderen Ebene aber trifft der Vorwurf meiner Meinung nach sehr wohl: der sozioökonomischen. Wer kann sich ein 360-Euro-Ticket privat leisten? Wer hat den Job, der mal eben drei Werktage Bildungsurlaub erlaubt? Wer hat die Kapazitäten einen Beitrag vorzubereiten? Kurz: Warum ist es vor allem privilegierten Menschen möglich, im „utopischen Raum“ über die Gestaltung von Morgen mitzudiskutieren?

Belastbare Zahlen zur sozialen Zusammensetzung des Publikums gibt es meines Wissens nicht, aber mein Gefühl würde vermuten, dass die obere Mittelschicht überrepräsentiert ist. Die Frage, wer Zugang zu den Zukunftsdebatten auf der re:publica hat, ist also auch eine Klassenfrage.

The Panel „Unsichtbare Ordnung? Was Klasse heute bedeutet“ hat genau das unerwartet sichtbar gemacht. Der Programmpunkt war so angedacht, dass Geraldine de Bastion ein Gespräch moderiert, in dem Mareice Kaiser und Hanno Sauer darüber diskutieren, wie sich heute über Klasse sprechen lässt. Beide haben ein Buch zum Thema geschrieben. Er: promovierter Philosoph, aufgewachsen in einem Elternhaus mit Professoren. Sie: Journalistin und Arbeiter*innenkind, die sich zunächst kein Studium leisten konnte. Also einmal die Perspektive „von oben“ und einmal „von unten“.

Ein Punkt, der dabei große Wellen schlug, war der Vergleich der Vorschusshonorare beider Buch-Autor*innen: 160.000 Euro für ihn. 15.000 Euro für sie. Sein Buch lag am Signiertisch der re:publica aus, ihres nicht. Eingeladen als Speaker war ursprünglich nur er; sie sollte das Gespräch moderieren. Sie setzte jedoch durch, auch selbst als Speakerin ihre Perspektive auf diesem Panel vertreten zu können.

Am sichtbarsten wurde das Thema Klasse jedoch, als Mareice plötzlich Agnieszka auf die Bühne dazu holte – eine Arbeiterin aus der Küche der Charité. Eine Frau, die dort mit Streiks gerade für höhere Löhne kämpft, damit ihre Arbeit zum Leben reicht. Man sieht, wie viel Mut es sie kostet, auf dieser Bühne zu sprechen. Agnieszka macht deutlich, woran es ihr in solchen Debatten oft fehlt: an den eigenen Stimmen derjenigen, über die geredet wird. Wenn über Klassismus gesprochen werde, sagt sie, sprechen fast immer die von den oberen Gruppe – „die Menschen von den untersten Gruppen wie ich haben keine Stimme oder Chance, sichtbar zu sein“.

Ihr Appell ans Publikum: Solidarität für Streikende. Diese Solidarität kann verschiedene Formen annehmen, erklärt sie. Geld spenden sei eine, aber wichtiger sei, dass die Gesellschaft verstehe, warum gestreikt werde: nicht aus Undankbarkeit, sondern weil es nicht anders geht. Sie selbst ist seit ihrer Ankunft in Deutschland nie arbeitslos gewesen. Sie kämpft nicht für Geld, um sich ein Auto oder Wohnung kaufen zu können, sondern damit ihr Gehalt für Miete und Essen reichen. Und sie habe die Schnauzte voll, dass über Migrant*innen wie sie öffentlich immer nur negativ gesprochen wird.

Um ihre Lebenswelt für uns im Publikum vorstellbarer zu machen, erzählte sie, was die letztes Jahr erkämpften 200€ Lohnerhöhung in ihrem Leben bewirkt haben: Sie haben ihr den Mut gegeben, sich von einem gewalttätigen Partner zu trennen. Als alleinerziehende Mutter hat sie nun Angst, wenn sie von den ganzen Kürzungen hört.

Ich spürte im Publikum erdrückend, in welcher Bubble ich gerade sitze: drei Tage lausche ich eloquenten belesenen Menschen, die unter anderem auch über bessere Arbeitswelten und gerechteren Wohlstand diskutieren – während diejenigen, die unter widrigsten Bedingungen genau dafür kämpfen, kaum Zugang haben. Bei Agnieszka verändern 200€ Lohnerhöhung das Leben. Mir hat der Arbeitgeber mal eben ein 360€-Ticket für die Konferenz spendiert.

Fairerweise muss man sagen: Auch in anderen Programmpunkten der re:publica wurde Klassismus thematisiert, und Stimmen Armutsbetroffener waren vertreten. Allerdings eher von Menschen, die sich bereits auf anderen Wegen aus der Unsichtbarkeit herausgekämpft haben – etwa Malik Yannick Gannouchi, der sich seine Sichtbarkeit für das Thema Klasse über Social Mediaerarbeitet hat.

Das ist weniger Vorwurf an die Veranstalter*innen, als mehr ein Spiegel unserer Gesellschaft. Unter der Überschrift „Ich verdiene nicht genug, um mir ein reguläres oder ermäßigtes Ticket leisten zu können“ gibt es auf der Website der re:publica die Möglichkeiten, sich mit dem Volunteer-Programm einen kostenlosen Zugang zur Konferenz zur erarbeiten. Eine weiteres Angebot sind der kostenlose Livestream und die späteren Uploads der Sessionsaufzeichnungen auf YouTube. Doch all diese Bemühungen ändern nichts daran, dass man in seinem Berufsalltag erstmal drei Tage Zeit und Nerven übrighaben muss.

Im Sinne des „utopischen Raums“: wäre es nicht eine schöne Utopie, wenn auf der re:publica 2027 nicht nur vorwiegend Menschen säßen, die sich locker ein 360-Euro-Ticket oder drei Tage Bildungsurlaub leisten können? Also eine Bubble, die sich klassenübergreifend öffnet, statt politisch nach rechts. Das wäre die utopischere Antwort auf den nicht ganz unberechtigten Bubble-Vorwurf. Es wäre eine Ebene der Inklusivität, die unsere Bubble konstruktiv aufbrechen könnte – jedenfalls konstruktiver als der von schon unzähligen politischen Bühnen unternommene Versuch, Positionen einzubeziehen, deren Wertekompass jenseits von Wissenschaft und Grundgesetz liegt.

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Fenja Hentschel

Wo waren eigentlich die Männer?

Eine Beobachtung, die ich nicht mehr loswerde: Auf den Bühnen, auf denen über Aktivismus, Ohnmacht, digitale Gewalt und strukturelle Misogynie gesprochen wurde, standen fast ausschließlich Frauen*. Düzen Tekkal, Luisa Neubauer, Carolin Emcke, Heidi Reichinnek, Tara-Louise Wittwer – und viele mehr. Die Arbeit am Aufrechterhalten von Demokratie wirkt aktuell wie ein klar verteiltes Geschäft.

Ehrliche Gegenfrage an mich selbst: Bin ich vielleicht auch einfach öfter in Talks von Frauen* gegangen, weil ich mich dort eher gemeint fühle? Schon möglich, aber der Eindruck bleibt. Trotzdem: Es braucht strukturelle Veränderungen, nicht nur individuelle Resilienz. Von allen!

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Magdalena Soetebeer

Der „Ponyhof"-Vorwurf: Wer ist hier eigentlich naiv?

Die Verteidigung unserer Demokratie kommt ohne den Blick auf Wohlstandsdebatten nicht aus. Das wurde auch auf der diesjährigen re:publica wieder deutlich. Neu ist dabei weder das Thema noch die Erkenntnis, dass verschiedene Menschen und Parteien unterschiedlichste Vorstellungen haben, was Wohlstand eigentlich bedeutet, geschweige denn wie er zu retten sei.

Als Zukunftsforscherin interessiert mich dabei vor allem, welche Zukunftsbilder in diesen Debatten verhandelt werden – und auf welchen Annahmen sie aufbauen. Neben dem oben beschriebenen Bubble-Vorwurf hört man gegenüber den Zukunftsdebatten der re:publica nämlich häufig den Vorwurf, dort verhandelte Ideen wären etwas naiv. Man müsse auch mal in der Realität ankommen.

In einer der ersten Sessions hat Alice Hasters dazu aufgerufen, sich gegen genau dieses Muster zu wehren und sich nicht als „naive Träumer*innen“ abstempeln zu lassen. Nicht, weil progressive Ideen über Kritik erhaben wären – sondern weil derselbe Reality-Check auch in die andere Richtung interessante Ergebnisse liefert.

Daran musste ich während einiger Panels der re:publica denken. In einer von Michel Friedman moderierten Runde waren sich Heidi Reichinnek (Linke) und Markus Blume (CSU) einig: Es braucht eine zukunftsfähige Wirtschaft. Reichinnek räumte ein, dass auch sie es nicht cool findet, wenn Leute auf der faulen Haut liegen (auch wenn es deutlich weniger Menschen als die „hunderttausenden Totalverweigerer“ sind, die in Talkshows oft fälschlicherweise als große Gruppe dargestellt werden). Blume räumte ein, dass „der Planet die Grätsche macht“. Die Frage, an der sich die Geister scheiden, war wie immer: Wie können wir das sinnvoll angehen? Sind Wirtschaft und Klimaschutz Verbündete oder Gegenspieler im Kampf um zukünftigen Wohlstand?

Blume argumentierte am Beispiel der Autoindustrie – sie sei eine Basis unseres Wohlstands, man dürfe sie nicht ausbremsen. Ohne funktionierende Wirtschaft, so seine Logik in Richtung Reichinnek, gebe es auch nichts zum Umverteilen. Friedman warf trocken ein, dass die Autos der Zukunft inzwischen aus China kommen. Auch Reichinnek hielt dagegen: zum Umverteilen habe sie immer etwas, „weil Überreiche immer reicher werden“. Genau deshalb sei es Aufgabe der Politik, Wirtschaftssysteme zukunftsfähiger zu gestalten.

Sind also nur die progressiven Zukunftsbilder naiv? Oder nicht eher auch jene konservativen Bilder, deren Grundannahmen die Verbrenner-Wirtschaft als Garantin von Wohlstand verteidigen und ein wankendes Modell unter dem Etikett „Realismus“ weiterfahren wollen? Wer hofft, dass die elektrische Konkurrenz im Ausland noch ein bisschen wartet, sieht in meinen Augen doch eher selbst nach Träumer*in aus.

Luisa Neubauer hat auf eine ähnliche Realismus-Lücke hingewiesen: Unsere gängigen volkswirtschaftlichen Modelle seien schlicht nicht darauf ausgelegt, was passiert, wenn unsere Lebensgrundlage wegbricht. Und Eckart von Hirschhausen brachte es in einem anderen Vortrag auf den Punkt: Der Markt regle das nicht, solange eine Tonne CO₂ 2.000 Euro Schaden verursache und nur 75 Euro koste.

Sind Zukunftsbilder, die nach alter Logik Wohlstand & Wirtschaftswachstum gegen Klimaschutz abwägt, realistisch? Gibt es realistische Ansätze, die beides zusammendenken? Wenn wir eines in der Zukunftsforschung gelernt haben, dann dass Business-as-usual-Zukunftsbilder gerade dann eine unzuverlässige Orientierung sind, wenn ein System in der Krise steckt oder sich im Umbruch befindet. Von daher: Reality-Check immer gerne – aber bitte auch Positionen, die sich gerne selbst als Realisten und vernünftiges Gegenwicht zu progressiven Träumereien betiteln.

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Magdalena Soetebeer

Zukunft gestalten heißt Demokratie verteidigen

Was bleibt nach drei Tagen re:publica aus zukunftsforschender Perspektive? Für mich vor allem das: Die Auseinandersetzung mit Zukunft ist kein Luxusthema, das sich eine Gesellschaft leisten kann, wenn die akuten Probleme der Gegenwart gelöst sind. Sie ist die Grundlage dafür, dass demokratisches Engagement überhaupt einen Sinn ergibt:

Wer nicht an die Gestaltbarkeit von Zukunft glaubt, hat kaum einen Grund, sich für unsere Demokratie einzusetzen. Genau hier liegt für mich der politische Kern dieser Konferenz, jenseits aller Bubble- und Naivitäts-Vorwürfe. Demokratie ist mühsam, langsam, häufig frustrierend. Das scheint nur dann lohnend, wenn man überzeugt ist, dass aus diesem Aushandeln tatsächlich etwas anderes werden kann als das, was schon ist. Diese Überzeugung verteidigt die re:publica drei Tage lang gegen die Resignation, die uns das ganze Jahr über von so vielen Seiten nahegelegt wird.

Das Motto „Never Gonna Give You Up“ hätte dabei nicht besser zur Zukunftsforschung passen können. Auch hier geht es darum, den zuversichtlichen Blick nach vorn nicht aufzugeben – ohne die Augen vor den realen Risiken zu verschließen, die unserer Gegenwart und Vergangenheit entspringen. In vielen Talks und Workshops der letzten drei Tage wurde deutlich: Neben den allgegenwärtigen Dystopie-Schlagzeilen braucht es eine Auseinandersetzung mit Zukunftsbildern, die konstruktiv nach Gestaltungsräumen sucht.

Das macht re:publica zu mehr als einer Konferenz. Sie ist ein Plädoyer für eine Haltung, die im Alltag schnell verloren geht: dass Zukunft eben nicht einfach passiert, sondern gemacht wird – und dass es darauf ankommt, wer dabei mitgestaltet.

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Fazit

Lust auf Zukunftsgestaltung

Drei Tage re:publica, viele Stimmen, viele offene Notizbücher. So unterschiedlich die Blickwinkel in diesem Beitrag auch sind — sie verweisen alle in dieselbe Richtung: Zukunft ist gestaltbar. Aber sie ist es nur, wenn Menschen sie tatsächlich gestalten — und dieses Gestalten nicht den großen Tech-Plattformen, dem Algorithmus oder einer „erlernten Hilflosigkeit“ überlassen wird. Demokratische Gesellschaft, das wurde auf der re:publica an jedem Tag deutlich, ist kein Hintergrundrauschen, vor dem sich Technologie entfaltet. Sie ist eine Errungenschaft, die aktiv verteidigt und weitergedacht werden muss.

Genau dafür arbeiten wir bei Schaltzeit. Wir entwickeln Formate, in denen Zukunftsfragen strategisch analysiert und konkrete Lösungen erarbeitet werden — ob zu KI und Digitalisierung, zu Demokratie und Teilhabe oder zu gesellschaftlichem Wandel. Wir konzipieren Beteiligungsformate, die nicht nur abfragen, sondern Lust auf Zukunftsgestaltung machen. Und wir sind überzeugt: Die belastbarsten Antworten entstehen dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.

Du interessierst dich für diese Themen? Stehst du in deiner Organisation vor ähnlichen Fragen? Oder hast du Lust, gemeinsam über Zukunft nachzudenken?

Komm mit uns ins Gespräch — wir freuen uns darauf, mit dir herauszufinden, welche Zukunft du gestalten möchtest und wie wir dich dabei unterstützen können.

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