Genau diese Frage hat Schaltzeit mit dem Vorstand des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung (DNVF) bearbeitet. Aus nationaler und internationaler Literatur haben wir KI-gestützt Zukunftsszenarien verdichtet und diese in Partnerdialogen mit Expert*innen des Vorstands fachlich geschärft. In zwei Workshoptagen wurden sie dann mit Dialogwalk, Backcasting und LEGO® SERIOUS PLAY® weitergedacht – entlang zweier Leitfragen: Durch welche strukturellen Mechanismen könnte sich die Versorgung in Deutschland verändern, gestaltet, erzwungen, von unten oder gar nicht? Und wessen Gestaltungsmacht prägt diesen Wandel?
Warum Zukunftsforschung für die Versorgungsforschung?
Anders als der Name vermuten lässt, erforscht Zukunftsforschung nicht die Zukunft. Sie widmet sich Fragen der Gegenwart: den heutigen Annahmen darüber, was kommen könnte. Es geht nicht um Vorhersage, sondern darum, den Möglichkeitsraum systematisch zu öffnen und daraus Orientierungswissen für Entscheidungen im Jetzt zu gewinnen. Für die Versorgungsforschung ist das aus drei Gründen relevant:
Kritik allein verändert nichts. Wer weiß, was nicht funktioniert, weiß noch nicht, wohin es gehen soll. Es kann als Aufgabe des DNVF verstanden werden, nicht nur Dysfunktionalitäten zu identifizieren, sondern auch fundierte Vorschläge zu erarbeiten, wie eine zukünftige gute Versorgung konkret aussehen könnte.
Zukunftsbilder sind keine Fakten – aber auch nicht beliebig. Derartige Zukunftsbilder einer guten Versorgung sind gegenwärtige Konstruktionen, geprägt von der Perspektive derer, die sie entwerfen. Damit wird die Frage nach einer „guten” Versorgung unweigerlich auch eine normative und politische: Was ist gut, was ist fair, was ist ein gutes Leben? Für einen wissenschaftlichen Fachverband, dem Evidenz zentral ist, liegt genau darin die Aufgabe: sauber zu unterscheiden, wo Evidenz trägt und wo es um Werte und Aushandlung geht. Beides hat seinen Platz in der Zukunftsgestaltung. Verwechseln sollte man sie nicht. Getreu dem Motto: weniger Stammtisch, mehr Daten.
Zielbilder brauchen einen Realitätscheck. Wünschenswerte Zukunftsbilder werden schnell zum Luftschloss, wenn sie die strukturellen Bedingungen ausblenden, unter denen Wandel in Deutschland stattfindet – oder eben ausbleibt. Wandel als gestalteter Prozess, technokratisch gesteuert? Oder Wandel als Reaktion auf Druck, mit Gewinnern und Abgehängten? Wandel, der schlicht nicht kommt? Oder Wandel, der von unten wächst und partizipativ legitimiert ist? Wodurch verändert sich das System überhaupt? Und wer hat dabei die Gestaltungsmacht? Wer verliert, wer sichert Einfluss, welche Fehlanreize entstehen aus gut gemeinten Ansätzen? Genau hier lohnt es sich, Perspektiven jenseits des eigenen Fachfelds hinzuzuholen – Patient*innen, aus Kliniken, Politik, Kassen, aus Wirtschafts-, Politik- und Rechtswissenschaft.














DNVF-Kongress
Im September wird die Debatte um die Frage, was eine gute zukünftige Versorgung ausmacht, bei dem DNVF-Kongress weiter vertieft und mit den vielfältigen fachlichen Perspektiven des Netzwerks angereichert.
Wir sind gespannt, wohin die Reise geht. Danke an den DNVF-Vorstand für offene, streitbare und produktive gemeinsame Tage, in denen wir verschiedene Zukünfte exploriert haben.
Wer sich keine andere Zukunft vorstellen kann, hat keinen Grund, sich für Veränderung einzusetzen. Genau deshalb machen wir bei Schaltzeit Zukünfte erlebbar.
Zukunft ist ungewiss – deshalb sind Zukunftsforschung und ihre Anwendung in Form von strategischer Vorausschau bzw Foresight so relevant. Die Zukunftsforschung untersucht systematisch mögliche, wahrscheinliche und wünschbare Zukünfte. Sie nutzt wissenschaftliche Methoden, um Orientierung zu geben und Entscheidungen in der Gegenwart zu ermöglichen. Schaltzeit bietet dafür verschiedene Ansätze und Methoden passend zu den jeweiligen Zukunftsfragen, die untersucht werden sollen.
Versorgungsforschung untersucht die Gesundheitsversorgung unter realen Bedingungen: Sie fragt, wie Organisation, Steuerung und Finanzierung der Versorgung den Zugang, die Qualität und Sicherheit, die Kosten sowie letztlich die Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung beeinflussen. Das Deutsche Netzwerk Versorgungsforschung (DNVF) ist dabei ein interdisziplinäres Netzwerk, das Wissenschaft, Versorgungspraxis und Gesundheitspolitik zusammenbringt, um die Versorgungsforschung weiterzuentwickeln und die Gesundheitsversorgung zu verbessern.
LEGO® Serious Play® (LSP) ist eine moderierte Methode, bei der Teilnehmende mit LEGO-Steinen Gedanken, Erfahrungen, Probleme oder Zukunftsvorstellungen als dreidimensionale Modelle bauen und anschließend anhand dieser Modelle erzählen und diskutieren. Die Grundidee ist das sogenannte „Denken mit den Händen“: Statt eine Frage nur abstrakt zu diskutieren, bauen die Teilnehmenden zunächst ihre eigene Antwort. Dadurch werden auch implizite Vorstellungen, Annahmen und Perspektiven sichtbar, die in einer klassischen Gesprächsrunde oft unausgesprochen bleiben. LEGO® Serious Play® passt gut zur Zukunftsforschung, weil die Methode abstrakte Zukunftsvorstellungen spielerisch und intuitiv greifbar macht. Durch das „Denken mit den Händen“ entstehen konkrete Bilder möglicher Zukünfte, die anschließend erzählt, geteilt und gemeinsam reflektiert werden können. Der spielerische Zugang schafft einen geschützten Raum ohne vorab richtige Antworten und hilft dabei, gewohnte Denk- und Argumentationsmuster zu verlassen. So lassen sich auch unsichere, schwer greifbare und dennoch gestaltbare Zukünfte explorieren.
Ein Dialog Walk (auch Dialogspaziergang oder Walk & Talk genannt) ist ein Format, bei dem zwei oder mehr Personen während eines Spaziergangs im Freien ein tiefgehendes Gespräch über ein bestimmtes Thema führen. Dazu können spezifische zu bearbeitende Fragen mitgegeben werden. Das Format verbindet körperliche Bewegung an der frischen Luft mit achtsamem Zuhören und einem offenen, echten Austausch. Mit dem Format sollen das Denken und Reflektieren gefördert und Ablenkung reduziert werden – ablenkende Dinge wie Laptops, Notizen oder Bildschirme bleiben zurück.
Beim Backcasting wird nicht von der Gegenwart aus exploriert, in welche Richtungen sich die Zukunft entwickeln könnte. Stattdessen wird von einem definierten Zukunftsbild aus rückwärts gedacht: Welche Schritte, Veränderungen und Voraussetzungen wären notwendig, um von der Gegenwart dorthin zu gelangen? Die Methode dient dazu, mögliche Transformationspfade zu identifizieren und konkrete Schritte abzuleiten, mit denen Veränderung in Richtung des angestrebten Zukunftsbildes gestaltet werden kann.