Zukunft ist kein Fakt – was bedeutet das für die Wissenschaftskommunikation der Zukunftsforschung, und wie kann sie Wirkung in der Gesellschaft entfalten? Darüber hat Magdalena Soetebeer bei der Futures4Europe Conference 2026 in Rom gesprochen. Unter dem Titel „Strategic or Reflexive? The Fundamental Dilemma of Science Communication in Futures Studies“ diskutierte sie mit der europäischen Foresight-Community, wie strategische Kommunikation aus dem Marketing genutzt werden kann, ohne dabei wissenschaftliche Standards zu verletzen.
Warum ist die Kommunikation von Zukunftsbildern nicht trivial?
Das kommunikative Potenzial von Zukunftsforschungs- und Foresight-Ergebnissen bleibt oft ungenutzt, wenn die Ergebnisse in neunzigseitigen PDF-Berichten schlummern, die auf Websites zum Download bereitstehen. Wer liest das in seiner Freizeit, wer bekommt überhaupt etwas von ihrer Existenz mit?
Zukunftsfragen sind in vielen gesellschaftlichen Debatten zentral, doch die Zukunftsforschung findet dabei teils wenig öffentliche Beachtung.
Magdalena Soetebeer
In der Zukunftsforschung wird deshalb immer wieder gefordert, über Fachkreise hinaus wirkungsvoll zu kommunizieren. Ramos plädierte bereits 2006 für mehr strategische Kommunikation: „All the valuable insights in the world […] are worthless if they cannot be communicated more broadly and influence change“ (Ramos 2006). Wie also gewinnen wir die Aufmerksamkeit von Mitbürger*innen, die vielleicht noch nie etwas von Foresight oder Zukunftsforschung gehört haben? Und wie erklären wir ihnen, was wir in der Zukunftsforschung machen?
Durch die Besonderheit ihres Forschungsgegenstandes steht die Zukunftsforschung hier vor besonderen Herausforderungen: Zukunftsbilder sind keine neutralen Fakten, sondern gegenwärtige Konstruktionen, geprägt von den Perspektiven der Forschenden. Wirkungsvoll an die interessierte Öffentlichkeit kommuniziert, prägen sie unter Umständen Richtungsentscheidungen und werden damit selbst zur Intervention in die Zukunftsgestaltung. Ist das noch neutrale Vermittlung von Forschungsergebnissen oder schon Aktivismus? Wie könnte eine Wissenschaftskommunikation aussehen, die Zukunftsbilder nicht als vermeintlich neutrale Erkenntnisse darstellt? Und die sich trotzdem nicht in erkenntnistheoretischen Erklärungen verliert, die man erst nach einem Philosophiesemester versteht?
Show, don’t tell: Der klassische Beipackzettel, den keiner liest
Jede seriöse Foresight-Studie enthält ihn: den Hinweis, dass Szenarien keine Vorhersagen sind, sondern Erkundungen möglicher Zukünfte unter Ungewissheit. Dazu kommt ein Methodenkapitel mit Verweisen auf epistemologische Grundlagen. Das ist richtig und wichtig.
Aber wer liest das? Überspitzt könnte man diese Disclaimer mit Beipackzetteln vergleichen: vorhanden, um der Verantwortung gerecht zu werden, jedoch kaum zur Kenntnis genommen. Was im Gedächtnis bleibt, sind die schön illustrierten Szenarien und ihre pointierten Titel.

Folie aus dem Konferenzvortrag mit einer KI-generierten metaphorischen Illustration eines typischen Szenario-Berichts. Wie beim Beipackzettel eines Medikaments sind Methodenkapitel und Disclaimer enthalten, weil gute wissenschaftliche Praxis sie verlangt. Aber wer studiert sie, bevor der Blick auf die ansprechenden Szenario-Visualisierungen fällt?
Das Dilemma: wirkungsvoll oder verantwortungsvoll?
Dass Zukunftsbilder Konstruktionen sind, liegt am Forschungsgegenstand selbst. Zukunftsforschung untersucht nicht die Zukunft, die es ja noch gar nicht gibt, sondern widmet sich „spezifischen Fragen der Gegenwart, nämlich den in der Gegenwart erzeugten und zu begründenden Zukunftsannahmen“ (Grunwald 2009). Ihre Ergebnisse sind wissenschaftlich begründete Annahmen über mögliche Entwicklungen, sogenannte Zukunftsbilder oder Zukünfte. Sie sind immer geprägt von den gegenwärtigen Perspektiven der Forschenden, ihren Denkrahmen (Fischer 2023).
Werden diese Zukunftsbilder wirksam in die breite Öffentlichkeit getragen, gewinnen sie nicht nur Sichtbarkeit. Sie reproduzieren zugleich die Sichtweisen, aus denen sie entstanden sind. Fischer formuliert es deutlich: „Durch gegenwärtige Denkrahmen präfigurierte Zukunftsbilder reproduzieren den Status Quo und schreiben damit auch gegenwärtige Machtverhältnisse, systemische Ungerechtigkeiten usw. fort“ (Fischer 2023). Je reichweitenstärker ein Zukunftsbild ist, umso größer ist sein potenzieller Einfluss auf Entwicklungen der Gesellschaft und damit auf die Zukunft selbst. Einerseits hat Wissenschaftskommunikation den demokratischen Anspruch, Orientierungswissen für die Zukunftsgestaltung einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Andererseits schreibt sie damit tendenziell die Denkrahmen der jeweiligen Autor*innen fort und läuft Gefahr, der Zukunftsforschung einen technokratischen Charakter zu geben.
Gar nicht erst öffentlich zu kommunizieren, ist trotzdem keine gute Lösung. Die Frage ist vielmehr, ob die Art der Kommunikation dem Dilemma entgegenwirken kann. Dafür müssen zwei Ansprüche zusammenkommen, die sich zunächst schwer zu vertragen scheinen und die beide auch in den Standards und Gütekriterien der Zukunftsforschung verankert sind.
Wirkungsvoll: strategische Kommunikation
Wissenschaftskommunikation soll die öffentliche Sichtbarkeit von Zukunftsbildern fördern, damit sie in gesellschaftliche Debatten einfließen können. Dafür muss Kommunikation wirkungsvoll über akademische Fachkreise hinausgehen. Doch „die breite Öffentlichkeit“ gibt es nicht: Gesellschaftliche Gruppen unterscheiden sich in ihren Interessen, Kommunikationskanälen, ihrem Vorwissen, ihrer Sprache und ihren Weltanschauungen. Sie zu erreichen, erfordert strategische Kommunikation mit Mechanismen, wie wir sie aus dem Marketing kennen: Zielgruppenorientierung, Vereinfachung, emotionale Ansprache und klare Erzählungen. Auch die Standards und Gütekriterien fordern, „‚wirksame‘ Kommunikation [zu] ermöglichen“ und Ergebnisse „adressatengerecht“ aufzubereiten, „um sie wirksam werden zu lassen“ (Standards und Gütekriterien).
Verantwortungsvoll: reflexive Kommunikation
Genau diese strategischen Mittel können konstruierte Zukünfte natürlich, wahrscheinlich oder wünschenswert erscheinen lassen. Um verantwortungsvoll zu sein, sollten Ergebnisse der Zukunftsforschung nicht als vermeintlich neutraler Blick der Wissenschaft gerahmt werden, sondern als perspektivenabhängige Konstruktionen. Auch die Standards und Gütekriterien verlangen, die „irreführende und risikoträchtige Illusion einer sicheren Vorhersage“ zu vermeiden und „die Nicht-Faktizität ihres Gegenstandes sowie der Bild- und Konstruktionscharakter von Zukunftsaussagen“ deutlich zu machen. Dazu gehört auch der Standard der „argumentativen Prüfbarkeit“: Es soll nachvollziehbar sein, wie ein Zukunftsbild konstruiert wurde. Konsequent zu Ende gedacht, umfasst diese Nachvollziehbarkeit nicht nur Daten und Methoden, sondern auch die Denkrahmen der Forschenden und Kommunizierenden. Denn erst sie erklären grundlegend, warum eine Zukunft so und nicht anders gedacht wurde. Wenn also die Forderung, eine „kritische Auseinandersetzung mit den vorgestellten Inhalten“ zu ermöglichen, ernst gemeint ist, sollten wir nach Wegen für reflexive Kommunikation suchen: eine Form der Darstellung, die die Denkrahmen der Forschenden so weit wie möglich offenlegt und sie damit zur Debatte stellt.
Die spannende Frage ist, ob beides gleichzeitig funktionieren kann: Zukunftsbilder kommunikativ so aufbereiten, dass sie verschiedene Zielgruppen wirkungsvoll erreichen, und trotzdem nicht darauf abzielen, dass sie und ihre Denkrahmen unreflektiert übernommen werden. Wie kann die Anregung zur kritischen Reflexion selbst so wirkungsvoll werden, dass sie nicht zum Beipackzettel verkommt?






Warum wir beides brauchen
Strategische Kommunikation und kritische Zukunftsforschung folgen sehr unterschiedlichen Logiken. Trotzdem glaube ich: Wir brauchen beide. Die kritische Zukunftsforschung stellt die Fragen, um die es gehen sollte: Welche Denkrahmen sind in Zukunftsbilder (unbewusst) eingeschrieben? Wessen Zukunft wurde hier gedacht? Wessen Perspektiven wurden ausgeblendet? Strategische Kommunikation kann dafür sorgen, dass diese Fragen auch außerhalb von Fachkreisen gestellt werden.
Die entscheidende Verschiebung liegt im Ziel. Es geht nicht darum, von bestimmten Zukünften zu überzeugen. Es geht darum zu überzeugen, dass diese Zukünfte und die eigenen Vorstellungen von Zukunft es wert sind, hinterfragt und diskutiert zu werden. Dafür braucht es keine theoretischen Abhandlungen, die am Ende doch nur akademische Kreise erreichen. Dafür braucht es strategische Kommunikation. Damit ist auch die Frage vom Anfang beantwortet: Es geht nicht um Aktivismus für ein bestimmtes Zukunftsbild, sondern um Kommunikation, die Zukunft wieder verhandelbar macht.
Ein Blick in die Vergangenheit: Wer hat den Ruf der Zukunftsforschung auf dem Gewissen?
Wie folgenschwer ein unsauberer Umgang mit dem wissenschaftlichen Grundverständnis der Zukunftsforschung in der öffentlichen Kommunikation sein kann, zeigt die junge Geschichte der Disziplin (vgl. Eberspächer 2018). In den 1960ern übernahmen Zukunftsforschende zunächst den von Medien konstruierten Begriff „Futurologie“ und gaben der Verlockung nach, die Frage zu beantworten, wie die Zukunft wird. So titelte der Spiegel 1966: „Futurologie: Die Zukunft des Menschen wird geplant“ (Der Spiegel, H. 53/1966). Es entstand ein falsches Bild der Zukunftsforschung und eine Erwartung, die nicht eingelöst werden konnte. Schließlich weiß auch die Zukunftsforschung nicht, wie die Zukunft werden wird.
Auch heute ist bei manchen Zukunftsforschenden der Ärger über medienaffine Akteurinnen groß, die im Namen der Zukunftsforschung nach wie vor den Anschein erwecken, sie könnten mit raffinierten Methoden etwas über die Zukunft vorherwissen, natürlich ohne diese mysteriösen Methoden transparent zu machen. Sie wurden auch schon als „Trendgurus“ bezeichnet, ihre Arbeit als „boulevardeske Trendforschung“ (vgl. Rust 2012). Ob man sich über diese Akteurinnen echauffiert oder nicht, ist die eine Frage. Wie man selbst kommuniziert und welche öffentliche Vorstellung von Zukunftsforschung man damit stärkt, ist die andere. Vor allem Letztere finde ich relevant, und so wurde sie zum Thema des Vortrags bei der Futures4Europe.
Zu der Frage, wie so eine Kommunikationsgestaltung aussehen kann, hat Magdalena ihre Abschlussarbeit an der Freien Universität Berlin geschrieben.
Häufige Fragen
Kann Zukunftsforschung die Zukunft vorhersagen?
Nein. Auch wenn der Name der Disziplin das suggerieren mag: Zukunftsforschung untersucht heutige Annahmen über mögliche Zukünfte und entwickelt daraus begründete Zukunftsbilder, zum Beispiel Szenarien. Es ist also die wissenschaftliche Befassung mit möglichen, wünschbaren, plausiblen und wahrscheinlichen Zukunftsentwicklungen und Gestaltungsoptionen. Ziel ist es, die Argumente und Modelle, mit denen Zukunftsbilder konstruiert werden, zu analysieren. Ziel ist es auch zu zeigen, wo heute Gestaltungsspielräume liegen. Das Ergebnis von Zukunftsforschung wird deshalb mitunter auch „Orientierungswissen“ genannt.
Was ist Wissenschaftskommunikation in der Zukunftsforschung?
Sie macht Ergebnisse der Zukunftsforschung für Menschen außerhalb der Fachcommunity zugänglich. Die Besonderheit: Sie kommuniziert keine gesicherten Fakten, sondern konstruierte Zukunftsbilder, für die die Perspektive der Forschenden konstitutiv ist. Daher ist bei der Kommunikationsgestaltung besondere Achtsamkeit geboten in der Frage, wie weit diese Konstruiertheit vermittelt werden kann und soll.
Was sind die Standards und Gütekriterien der Zukunftsforschung?
Im Handbuch „Standards und Gütekriterien der Zukunftsforschung“ (Gerhold et al. 2014) definieren mehrere Autor*innen, woran „gute Zukunftsforschung“ zu erkennen ist. Die drei Abschnitte adressieren „(1) Zukunftsangemessenheit, (2) Wissenschaftlichkeit und (3) Effektivität im Hinblick auf Zielerreichung und Aufgabenerfüllung“. Das Buch soll „zur methodischen Selbstvergewisserung und zur Etablierung der Zukunftsforschung als wissenschaftliche Disziplin“ beitragen.
Was ist Futures4Europe?
Die Konferenz fand vom 30. September bis 1. Oktober 2026 am Nationalen Forschungsrat Italiens in Rom statt. Unter dem Motto „daring to imagine otherwise“ diskutierte die europäische Foresight-Community über Zukunft, Inklusivität, Kreativität und Gestaltung; ein Leitthema waren plurale Zukünfte und inklusive Foresight. Konferenz und Online-Plattform futures4europe.eu sind im EU-finanzierten Projekt „Eye of Europe“ entstanden. Letztes Jahr war André Winzer bei der ersten Futures4Europe-Konferenz in Wien: Foresight 4 Europe in Wien.
Literatur
- Eberspächer, A. (2018). Das Projekt Futurologie: Über Zukunft und Fortschritt in der Bundesrepublik 1952–1982. In Das Projekt Futurologie. Brill | Schöningh.
- Fischer, N. (2023). Möglichkeitsräume kontingenter Gegenwarten: die Reflexion von Denkrahmen als theoretischer und methodischer Ansatzpunkt für kritische Zukunftsforschung (Doctoral dissertation).
- Gerhold, L., Holtmannspötter, D., Neuhaus, C., Schüll, E., Schulz-Montag, B., Steinmüller, K., & Zweck, A. (Eds.). (2014). Standards und Gütekriterien der Zukunftsforschung: Ein Handbuch für Wissenschaft und Praxis (Vol. 4). Springer-Verlag.
- Grunwald, A. (2009). Wovon ist die Zukunftsforschung eine Wissenschaft? Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung: Beiträge aus Wissenschaft und Praxis, 25–35.
- Ramos, J. (2006). Consciousness, culture and the communication of foresight. Futures, 38(9), 1119–1124.
- Rust, H. (2012). Schwache Signale, Weltgeist und „Gourmet-Sex“: Die unfreiwillige Komik der boulevardesken Trendforschung. In Zukunft und Wissenschaft: Wege und Irrwege der Zukunftsforschung (pp. 35–57). Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg.

