Liebeskummer in Blau
Berlin, Spätsommer. Ich sitze vor unserem Logo und merke: Ich hänge dran. Dieses Blau war unsere Farbe: vertrauenswürdig, knallig, auf jedem Pitch und jedem Messestand dabei. Wie ein Lieblingspulli. Dann bekam die Beziehung Risse. Schleichend. Ich dachte, das wird schon wieder. Wurde es nicht. Wer Kund*innen ständig Zukunftsmut predigt, darf sich selbst nicht davor drücken. Auch wenn es nur eine Farbe ist.
Farben sind nie nur Farben. Unser Schaltzeit-Blau war von Beginn an Pantone Process Blue, HEX #009EE0 im Netz. Doch dieses Blau ist in Deutschland längst anders besetzt. Besetzt von einer Partei, die blaue Herzen verteilt, mit „Remigration” Stimmen sammelt und deren Zukunftsbild eine Heimat ist, in der sich viele fremd fühlen sollen. Das Hellblau der Corporate-Design-Handbücher der AfD ist #00A2DF, mal 0099ff, die Website zeigt #009EE0 – hier dominiert scheinbar die übliche Uneinigkeit. Trotzdem immer ein ähnlicher Ton. Nicht immer derselbe, oft als Verlauf: Aber zu nah, um als Laie einen Unterschied zu erkennen.
Blau ist kein Farbton mehr. Blau ist ein Code.
Damit wollen wir nicht verwechselt werden. Wir sind ein Unternehmen, das sich als Teil dieser Demokratie versteht. Offen für alle. Unser Leitbild ist da unmissverständlich: Das Grundgesetz ist unser Fundament, gegen jede Demokratiefeindlichkeit beziehen wir Stellung.
Also streifen wir dieses Blau ab. Nicht mehr. Nicht weniger.
Den Frust verstehen. Die Rezepte nicht.
Wir verstehen den Frust. Wenn bei aktuellen Landtagswahlen fast jede dritte Stimme an eine Partei geht, die sich als Alternative zu allem Etablierten versteht, hat diese Gesellschaft etwas verloren. Wer das ignoriert, produziert den nächsten Frust gleich mit. Aber die Antwort sind keine einfachen Rezepte, wie diese Alternative sie proklamiert. Einfache Lösungen sind verlockend – und fast immer falsch. Rasenmähermethoden – pauschal kürzen, pauschal abschieben, pauschal verdächtigen – treffen zuerst die, die am wenigsten Widerstand leisten können. Nach unten treten ist keine Politik. Es ist Feigheit.
In unserem Leitbild steht ein Satz, den ich mag: Wir sind keine Brandstifter. Wir sind Möglichmacher. Deshalb: keine Nähe zu Parteien, die soziale Härte, Ausgrenzung oder „Deutsche zuerst” im Programm tragen. Die Welt ist vielfältig, Berlin sowieso. Menschen in gut und schlecht sortieren? Familienbilder vorschreiben? Bitte nicht.
Wofür wir einstehen
Für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nicht, weil er perfekt wäre, das ist er nicht, sondern weil eine Demokratie Orte braucht, an denen Fakten weder dem Algorithmus noch dem Meistbietenden gehören. Wer den Rundfunk abschaffen will, will nicht sparen. Er will die Bühne für sich allein.
Für Partizipation. Das ist unser Handwerk: Fragen stellen, bevor wir Antworten verkaufen. Zuhören, bevor wir urteilen. Und zwar allen – nicht nur den Lautesten. Es ist okay zu sagen: Wir haben die Antworten noch nicht. Nicht okay ist, sie durch Ausgrenzung zu ersetzen. Verantwortung statt Zukunftstheater.
Für ein Miteinander, in dem Stütze keine Schwäche ist, sondern Stärke. Kooperation vor Konkurrenz. Bei uns heißt das: Wer neu anfängt, muss sich Vertrauen nicht erst verdienen. Ein Land könnte davon mehr vertragen – gerade eines, in dem eine Farbe zum Lagerzeichen wird.
Eine Farbe tragen wir gern
Und weil wir bei Farben sind, eine tragen wir gern: Regenbogenbunt. Berlin ist Multikulti und tolerant, nicht als Slogan, sondern als Alltag zwischen Kiez, Kotti und Kanzleramt. Bei uns arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Herkünften, verschiedenen Sprachen, selbst gewählten Lebensentwürfen. Das ist keine Diversity-Kachel. Das ist Dienstag.
Dabei gilt: Ich erwarte von niemandem einen Seelenstriptease. Wer du bist, geht uns nur so weit etwas an, wie du es teilen willst. Was uns etwas angeht: dass du hier sicher bist. Und dass du ankommst. Integration ist bei uns kein Problem. Sie ist Alltag. Und sie funktioniert – nicht reibungslos, aber immer dann, wenn wir Menschen als Menschen begegnen.
Welches Deutschland wir meinen
Vieles in unserem Land läuft nicht perfekt. Dabei beschäftigt uns schon alleine von Berufswegen her die Frage, was an unserer Gegenwart Kritik verdient und wie es zukünftig besser laufen könnte. Wer dabei nur eine Zukunft kennt, hat keine Wahl. Wir meinen deshalb ein demokratisches Land, das Zukunft im Plural denkt – als Möglichkeitsraum, nicht als Drohkulisse. Mit Demokratie meinen wir gemeinsame gesellschaftliche Zukunftsgestaltung, in der über verschiedene Zukunftsbilder und denkbare Wege dorthin diskutiert wird. Wir meinen einen Staat, der sich auf Szenarien vorbereitet, bevor es nötig ist oder gar zu spät ist. Ein Deutschland das Entwicklungen gestaltet, statt zu reagieren. Und das Zukunftsdenken nicht nur erlaubt, sondern vorlebt.
Die blauen Herzen erzählen von einer Zukunft, die eine verklärte Vergangenheit ist. Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, will für die Zukunft wieder „ein altes sicheres Deutschland zurück, so wie es in den 90er Jahren war”. War denn früher wirklich alles besser – oder wenigstens sicherer? Wir glauben nicht. (siehe Zahlen und Fakten unten)
Wir wünschen uns keine Zukunft, die auf einem geschönten 90er-Jahre-Bild aufbaut, sondern eine Zukunftsgestaltung, die den Mut hat, sich einer komplexen Welt zu stellen und auf struktureller Ebene an einer Gesellschaft zu arbeiten, die die Menschenwürde eines jeden Menschen achtet, die Freiheit und Frieden zusammen denkt und nicht mit Hass und Hetze gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen arbeitet. Und solche Zukünfte hören nicht an unserer Landesgrenze auf. Wir leben längst in einem dichten Geflecht globaler Abhängigkeiten – Lieferketten, Klima, Krisen. Spaceship Earth, hat Buckminster Fuller das schon lange vor den 90ern genannt: wir sind auf unserem Planeten eine Besatzung, keine Passagiere. Wir wünschen uns Menschenwürde für alle Menschen, nicht nur für den Teil der Crew mit dem passenden Pass. Wie wir über so etwas streiten wollen, haben wir beim Debating Spaceship aufgeschrieben – und auf der re:publica 26 ausprobiert.
Kostet uns das Aufträge?
Die Frage kam intern auf. Meine Antwort: Ich glaube nicht. Und selbst wenn – wir arbeiten ohnehin nicht für jeden. Ja, Konjunkturkrise. Ja, wir spüren sie. Wer eine Position bezieht, muss auch mit den Konsequenzen leben, nicht nur mit dem Applaus.
Wichtiger ist, dass wir ins Gespräch kommen. Ich wünsche mir von allen Schalter*innen, dass wir uns einmischen – nicht nur im Leitbild, sondern im Kalender. Wer sich engagieren will, bekommt bei uns Bildungsurlaub oder frei. Ob im Verein, in der Nachbarschaft oder in der Kommunalpolitik: Keiner schafft das allein. Wir auch nicht. Gemeinsam vielleicht.
Und jetzt?
Wir wechseln die Farbe. Auf #090C9B – Navy Electric – ein tiefes Nachtblau, fast Ultramarin. Ehrlich gesagt hat es mein Herz noch nicht erwärmt. Ja, das ist immer noch blau. Wir lassen uns die Farbe nicht komplett wegnehmen, nur den Ton. Das helle Blau, unser bewährtes Cyan, können sie haben.
Eine neue Farbe gleicht einer Neujustierung. Und genau die steckt in unserem Namen: Schaltzeit – die Zeit dazwischen, in der sich etwas neu einstellt. Wir stecken gerade selbst in einer. Zurück wollen wir nicht.
Ein kleines Zeichen, ich weiß – ein Farbwert rettet keine Demokratie. Aber Haltung fängt bei dem an, was man selbst in der Hand hat. Auch im noch so Kleinen. Meckern hilft nicht, machen schon.
Hellblau gehört jetzt anderen. Uns gehört die Frage, wie wir miteinander leben wollen. Darüber reden wir gern – mit euch, mit unseren Kund*innen, und auch mit denen, die blaue Herzen gewählt haben. Nur nicht mit denen, die kein Interesse an einem respektvollen Austausch mit Anstand haben.
Was denkt ihr? Schreibt mir!
Euer André
ZAHLEN & FAKTEN
Nachgeschaut: Wie sicher waren die 90er – und für wen?
Da uns Zukunftsbilder – wie erwähnt – von Berufswegen interessieren, haben wir mal genauer hingeschaut, was hervorgehoben und was ausgeblendet wird, wenn Politiker die 90er Jahre als Inspiration für Zukunftsgestaltung nennen. Was ist dran an dem „alten sicheren Deutschland”?
1993 registrierte die Polizei gut 6,75 Millionen Straftaten – bei rund 81 Millionen Einwohner*innen der höchste Wert, den die Kriminalstatistik je gemessen hat. 2024 waren es 5,83 Millionen, bei inzwischen rund 83,5 Millionen Menschen. Weniger Straftaten, mehr Einwohnerinnen: Statistisch gesehen ist Deutschland heute also sicherer als in den 90ern. Auch im Bereich Mord und Totschlag gab es 1993 in der PKS 4.230 erfasste Fälle, 2024 waren es 2.303 erfasste Fälle (siehe gleiche Quellen der PKS). Zugenommen hat in den Statistiken seitdem die gefährliche Körperverletzung, wobei ein Teil des Anstiegs auch auf höhere Anzeigebereitschaft zurückgeht. Genau dort argumentieren die blauen Herzen gern mit Messerangriffen. Messerangriffe zählt die Statistik jedoch erst seit 2020 gesondert; vorher gingen sie unsichtbar in den jeweiligen Delikten auf – meist gefährliche Körperverletzung, aber auch Raub oder Totschlag. Siegmund hat in dem oben genannten Interview recht, wenn er sagt: Die Statistik erfasst nur, was angezeigt wird. Das gilt aber damals wie heute. Ein Argument für die 90er ist es nicht.
Und jenseits der Zahlen? Hoyerswerda 1991, Rostock-Lichtenhagen 1992, Solingen 1993. Vergewaltigung in der Ehe: bis 1997 keine Vergewaltigung, nur „Nötigung”, teils „Körperverletzung”. Partnerschaftsgewalt wertet das BKA erst seit 2015 systematisch aus. Ehe für alle: diese Freiheit gab es in unserer Gesellschaft in den 90ern nicht, sondern erst seit 2017. Stattdessen stand im Westen noch Paragraf 175 bis 1994 im Gesetzbuch. Frei und sicher waren die 90er vor allem für die, die schon dazugehörten und bestimmten Rollenbildern entsprachen. Siegmund ist Jahrgang 1990. Wenn er von seinem Blick auf die 90er spricht, ist das eine Erzählung, die auf nostalgische Bilder setzt – nicht auf die (politischen) Rahmenbedingungen, die damals galten oder statistisch erfasste Werte zu Sicherheit.
Doch Angst und Narrative, die Angst machen, sind schneller als jede Statistik. Der Medienforscher Thomas Hestermann hat für 2023 gezählt: Nie zuvor gab es so viele Berichte über Gewaltdelikte in deutschen Leitmedien. Laut Polizeistatistik waren in dem Jahr 33,3 Prozent der Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten Nichtdeutsche – in den Medien, wo die Herkunft genannt wurde, waren es 2,5-mal so viele. Deutsche Tatverdächtige, in der Statistik zwei Drittel, kamen in der Berichterstattung nur auf 16 bis 18 Prozent. So entsteht eine gefühlte Realität, die einen die 90er zurückwünschen lässt: eine Gegenwart, die gefährlicher wirkt, als sie ist, und eine Vergangenheit, die sicherer wirkt, als sie war.
Doch haben wir inzwischen ziemlich gute Rezepte, wo wir in der Zukunftsgestaltung präventiv gegen Gewalt ansetzen können, wenn wir nach einer freien und sicheren Zukunft streben. Gewalt hat selten eine einzige Ursache, sondern viele: Sucht, Armut, Wohnungslosigkeit, soziale Isolation, Gewalterfahrungen in der Kindheit, Flucht und Migration, junges Alter, männliches Geschlecht – so fasst es die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie (DGPPN) in ihrem Positionspapier zur Gewaltprävention zusammen. Hinter dem letzten Punkt stecken aus unserer Sicht auch veraltete männlichen Rollenbilder – die nicht zwangsläufig an eine Religion oder Herkunft gebunden sind.
Die Liste ist unbequem, weil sie keine einfache Antwort zulässt. Wer fehlende Perspektiven, Isolation, Armut und unbehandelte Krisen als Ursachen ernst nimmt, landet nicht bei „Remigration” oder „Grenzen dicht machen”, sondern bei Arbeitsmarkt, Sozialpolitik und Gesundheitsversorgung. Asylsuchende haben in den ersten 36 Monaten nur Anspruch auf eingeschränkte medizinische Versorgung – Psychotherapie fällt meist nicht darunter. Diese Komplexität klingt nach Überforderung. Sie kann aber auch eine Chance sein: viele Faktoren, viele Stellschrauben.
Prävention ist unspektakulär, langsam, strukturell. Sie liefert kaum emotionalen Schlagzeilen. Trotzdem – für so eine Zukunftsgestaltung wollen wir uns stark machen.
Denn das ist der Unterschied zwischen den beiden Zukunftsbildern: Das eine lackiert die Vergangenheit neu, damit sie als wünschenswerte Zukunft durchgeht. Das andere kratzt den Lack ab und schaut, was darunter ist. Wir haben uns klar für letzteres entschieden.