Was KI mit der Zukunftsforschung macht und was wir mit ihr machen
Kein Hype, kein „so wird’s kommen”. Dafür ein ehrlicher Blick auf das, was in KI-gestützter Foresight unsichtbar bleibt.
Drei blinde Flecken
Prompts sind Autorenschaft. Wer den Prompt schreibt, bestimmt das Ergebnis — aber niemand sieht den Prompt. Manipulation ist möglich und nicht nachweisbar.
KI spiegelt unseren Resonanzraum. Statt fremde Perspektiven einzubringen, gibt sie uns unsere Gegenwart „in neuer Garderobe” zurück.
Gefälligkeit ist trivial geworden. Bestätigung fürs eigene Weltbild kostet heute genau einen Prompt. KI senkt die Kosten für Fassaden drastisch — und macht echtes Wissen damit relativ teurer.
Die Diagnose: Der Beruf gabelt sich
Hier billige, skalierte Output-Produktion – dort teurere, unbequemere, aber prüfbare Entscheidungsarchitektur. Beides wird „Foresight” heißen. Nur eines wird es sein.
Unsere Antwort darauf: Transparenz ist keine Compliance, sie ist unsere Immunisierung. Prompt, Daten und Modellversion legen wir gegenüber dem Auftraggeber offen. Nicht publik, aber prüfbar.
Studieren und Probieren: unser Weg zur KI-gestützten Foresight
Die Anwendung von KI in der Zukunftsforschung wird in der Foresightbranche seit geraumer Zeit diskutiert. Teils mit gesunder Skepsis, teils mit einem etwas überheblichen „das kann nix werden”. Lange fanden diese Einschätzungen vor allem auf theoretischer Ebene statt; erst seit ChatGPT Ende 2022 testen immer mehr Foresightakteur:innen den KI-Einsatz auch praktisch.
Uns bei Schaltzeit hat es nach dem Motto Studieren und Probieren schon lange vor 2022 in den Fingern gejuckt, verschiedene Einsatzmöglichkeiten hands-on auszuprobieren. Von spielerischen Futures-Literacy-Anwendungen bis zu skalierbaren Foresight-Workflows ist seither vieles entstanden: Ab 2020 haben wir für das BMAS einen kontinuierlichen KI-gestützten Foresight-Ansatz pilotiert und verstetigt, viele weitere Projekte von Foresight bis Innovationsmanagement folgten. 2024 forschte unser Kollege Lucas Buchauer in seiner Masterarbeit an der FU Berlin zum Einsatz von Large Language Models in Horizon-Scanning-Prozessen. Und von anwendungsorientierter Forschung über Paneldiskussionen bis zu Seminaren mit Studierenden diskutieren wir gerne die Möglichkeiten und Grenzen von KI in Foresight-Ansätzen, zuletzt etwa beim Workshop „KI in der strategischen Vorausschau” des Planungsamts der Bundeswehr.
Unser Bericht dazu im Blog der Advanced Foresight Group.
Future Alchemy: Zukunftskompetenz zum Anfassen
Weil sich Zukunftskompetenz am besten erleben lässt, gab es im Seminar Future Alchemy zum Ausprobieren: ein Futures-Literacy-Spiel als Web-App, das Lucas per Vibe Coding gebaut hat – sprich: im Dialog mit der KI entwickelt statt Zeile für Zeile programmiert. Zukunftszutaten neu kombinieren, Was-wäre-wenn-Impulse entdecken und gemeinsam ausprobieren.
Egal ob Mobilität, Bildung oder das eigene Herzensthema: Die Nutzer:innen geben vor, womit experimentiert wird. Die App führt methodisch durch Schlüsselfaktoren, Projektionen und Szenarien und die KI erzeugt Impulse, mit denen sich Zukünfte durchspielen lassen.
Wir entwickeln. Wir testen. Wir wenden an. Und wir geben weiter.
Ein Wunsch zum Schluss
An die nächste Generation von Zukunftsforscher:innen: Lasst euch nicht von den Lastern der KI-gestützten Zukunftsforschung verführen: Trägheit (das Denken an die KI delegieren), Hochmut (Illusion der Datenbeherrschung), Geiz (keine echte Partizipation) und Selbsttäuschung (Illusion der Gewissheit).
Was sind die Laster der Zukunftsforschung
Trägheit
HOCHMUT
GEIZ
SELBSTTÄUSCHUNG
Wir wünschen euch, dass ihr Zukunftsfragen nicht nur mit Technologie und dem Anzapfen unserer eigenen Resonanzräume löst. Wissen, das ihr durch euer bewusstes Eingreifen und eure Arbeit erlangt, ist umso wertvoller. Sucht nicht nur nach der Abkürzung, auch wenn die KI euch sagt: „Ich kann’s mit einem Klick.” Bleibt neugierig, bleibt unbequem und macht eure Arbeit nachvollziehbar und prüfbar. Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung verlieren, wenn Wissen nur dem Marketing dient.