Oder: Die damalige Zukunftsvision des Sommermärchens ist abgelaufen. Wegwerfen sollten wir sie trotzdem nicht. Was denkt eine Zukunftsforscherin heute zur Nostalgie der WM 2006?
Das ist 20 Jahre her. Das Sommermärchen und ein Land, das sich für vier Wochen neu erfand. Mittendrin ein zwölfjähriges Mädchen mit einer eigenen Version dieser Zukunft.
Jetzt läuft die WM 2026. Die größte aller Zeiten: die meisten Mannschaften, die meisten Austragungsländer, die meisten geflogenen Meilen eines FIFA-Präsidenten. Und genau dieses Turnier der Superlative bestreitet (besser: bestritt) die deutsche Mannschaft in einem Trikot im Retro-Design, das optisch unter anderem an die Leibchen der Weltmeister-Elf von 1990 erinnert.
Warum greift ein Ereignis, das nur noch Rekorde kennt, ausgerechnet zur Vergangenheit? Und was tragen wir mit uns herum, wenn wir vom Sommermärchen schwärmen – eine Erinnerung oder ein Zukunftsbild, das längst abgelaufen ist?
Zukunftsbild vs. Nostalgiebild – zwei Seiten derselben Gegenwart
In der Zukunftsforschung wird häufig mit Zukunftsbildern gearbeitet: Vorstellungen, Annahmen und Wahrnehmungen von Zukünften, die wünschenswert, möglich, wahrscheinlich oder auch explizit nicht-wünschenswert sein können. Das Entscheidende dabei ist, auch wenn sie sich auf die Zukunft beziehen, sind sie immer in der Gegenwart verankert. Sie verraten, welche Werte, Bedürfnisse und Annahmen uns heute prägen.
Nostalgiebilder funktionieren erstaunlich ähnlich, nur mit umgekehrter Zeitrichtung. Lillith Boettcher (2021) beschreibt sie in ihrer Masterarbeit als bittersüße Bilder, die wir heute von der Vergangenheit machen. Sie sind keine faktischen Erinnerungen, sondern imaginativ, subjektiv, kontextuell. Und damit nicht nur Ausdruck unserer Sehnsüchte, sondern auch ein Spiegelbild der Gegenwart.
Beide Bildtypen entstehen aus denselben Irritationen. Wenn die Gegenwart verunsichert, imaginieren wir, mal nach vorn, mal zurück.
Beim Sommermärchen kommt eine dritte Kategorie hinzu, die es besonders macht: Es enthält eine vergangene Zukunft. 2006 war nicht nur ein Sommer, es war ein Erwartungshorizont. Für einen Moment schien ein anderes nationales Selbstbild möglich: weltoffen, leicht, unverkrampft. Wenn wir uns heute an das Sommermärchen erinnern, erinnern wir uns nicht nur an ein Turnier. Wir erinnern uns an ein Zukunftsgefühl. Das erklärt die eigentümliche Wucht dieser Nostalgie: Sie trauert nicht nur um Vergangenes, sondern auch um eine Zukunft, die so nicht eingetreten ist.




Das Sommermärchen, dekonstruiert
Zeit für einen genaueren Blick auf das Bild, das wir da mit uns herumtragen: mit einem Werkzeug der kritischen Zukunftsforschung. Die Causal Layered Analysis (CLA) nach Sohail Inayatullah (1998) unterscheidet vier Ebenen, auf denen ein Bild wie das Sommermärchen funktioniert:
An der Oberfläche die Litany (1): „Schwarz-Rot-Geil”-Schlagzeilen der BILD, Rekordquoten, Millionen auf der Fanmeile, fast vier Wochen Sonnenschein. Eine ungewöhnlich euphorische Litanei für diese Methode. Darunter die systemische Ebene (2): eine Standortkampagne im Anschluss an „Du bist Deutschland”, eine WM-Vergabe mit eigener Korruptionsaffäre, die es nicht ins kollektive Erinnerungsalbum schafft, eine durchorganisierte Inszenierung von Spontaneität.
Auf der Worldview-Ebene (3) wird deutlich: Die Erzählung vom „unverkrampften Patriotismus” war keine nachträgliche Beschreibung des Sommers – sie lief in Echtzeit mit. Schlagzeilen und Sondersendungen sagten den Menschen, was gerade passierte („Deutschland feiert endlich unbeschwert!”), und genau dadurch passierte es. Wer sich die Flagge auf die Wange malte, folgte bereits dieser Geschichte. Inayatullah (1998) nennt das: Diskurse konstituieren ihr Thema. Unser Bauchgefühl, unser Lebensgefühl und die Art und Weise wie über Dinge gesprochen wird, formen unser Verständnis davon. Und im Kern davon der Mythos (4): das Märchen selbst. Wörtlich zu nehmen ist es eine Erzählung mit garantiert gutem Ausgang, in der sich ein Land von seiner Geschichte freispielt.
- Causal Layered Analysis (CLA)
Bei Schaltzeit veranstalten wir regelmäßig Workshops, u.a. auch zur CLA-Methode. Wir haben dazu ein kostenloses Handout erstellt. Hier geht’s zum Download.
Erfahre hier mehr darüber: Recap CLA-Abend: Welche Geschichten prägen meine Tech-Visionen?
Das Nostalgiebild, das ich mit mir herumtrage, findet hauptsächlich auf der obersten Ebene statt. Die Litany wurde ins Heft eingeklebt, die Ebenen (und gleichzeitig auch die Schattenseiten) darunter aussortiert. Dieses Bild war von Anfang an kuratiert. Auch wenn ich heute kritischer denn je darauf blicke, diesen unbeschwerten WM-Sommer will ich mir nicht nehmen lassen. Und es gehörte nicht allen gleichermaßen. Wer kam im Sommermärchen vor und wessen Sommer sah anders aus? Ein Bild, das als kollektives gehandelt wird, aber nur die Erfahrung eines Teils abbildet, ist genau das, was kritische Zukunftsforschung aufbrechen will: Was Einzelne oder Gruppen wünschenswert finden, ist nie universell wünschenswert. Zwanzig Jahre später ist dieses kuratierte Bild, nicht einfach verblasst, es ist umkämpft. Schwarz-Rot-Gold bedeutet 2026 etwas anderes als 2006: Was damals als „unverkrampfter Patriotismus” gefeiert wurde, ist längst zum Symbol geworden, das von rechts vereinnahmt wird. Die Debatten über Fahnen und Public Viewing handeln heute weniger davon, ob wir feiern dürfen wie damals, sondern davon, wem dieses Bild gehört. Genau das macht ein unbefragtes Nostalgiebild riskant: Wer es nicht dekonstruiert, überlässt seine Deutung anderen. Wir tragen ein Zukunftsbild mit uns herum, das nicht nur abgelaufen ist, sondern zum umkämpften Terrain wurde und vergleichen die Gegenwart mit einer Vergangenheit, die es so nie gab.
Zwei Arten, sich zu sehnen
Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym (2001) hat für diesen Kampf um die Vergangenheit eine nützliche Unterscheidung geliefert: Sie trennt restaurative von reflexiver Nostalgie. Restaurative Nostalgie will die Vergangenheit wiederherstellen, sie versteht das eigene Sehnsuchtsbild nicht als Bild, sondern als Wahrheit, zu der es zurückzukehren gilt. Sie ist der Modus nationaler Revival-Erzählungen, und sie ist es, die sich politisch instrumentalisieren lässt: „Zurück zu 2006″ ist strukturell dieselbe Bewegung wie jedes andere „Zurück zu früher”. Auch der Konsum kennt fast nur den ersten Modus. Das Retro-Trikot, die Jubiläums-Doku, das Revival-Sortiment: restaurative Nostalgie als Geschäftsmodell, Vergangenheit als Ware, entkernt und neu aufgelegt. Ist es Zufall, dass ausgerechnet jetzt, während ein Turnier der Superlative für Irritation statt Leichtigkeit sorgt, Retro-Trikots verkauft werden? Je irritierender die Gegenwart, desto stärker der Sog zurück – FIFA und DFB haben das verstanden.
Reflexive Nostalgie dagegen weiß, dass das Bild ein Bild ist. Sie verweilt in der Sehnsucht, statt sie einzulösen und kann sie deshalb befragen: Was genau vermisse ich? Und was sagt das über jetzt?
Nostalgie als Werkzeug
Boettcher (2021) schlägt vor, Nostalgiebilder ernst zu nehmen: als Grundlage für Dekonstruktion, als kritische Gegenwartsanalyse, als Erweiterung des Imaginationsraums. Statt zu fragen „Wie kommen wir zurück zu 2006?”, fragt die Zukunftsforschung: Was genau war die Sehnsucht und was sagt sie über heute?
Beim Sommermärchen lässt sich das präzise beantworten. Die Sehnsucht galt nie dem Turnier selbst. Sie galt der Leichtigkeit. Dem kollektiven Erleben, das keine Bedingungen stellte. Einem Selbstbild, das sich für einen Moment revidieren ließ. Das sind keine Erinnerungen, das sind Bedürfnisse der Gegenwart, verkleidet als Vergangenheit. Und Bedürfnisse sind Rohstoff. Aus ihnen lassen sich neue Zukunftsbilder bauen, die nicht das alte Bild recyceln, sondern das dahinterliegende Bedürfnis ernst nehmen: Wie sähe kollektives Erleben aus, das nicht von einem Weltverband mit fragwürdiger Governance abhängt? Welche Orte und Anlässe könnten Leichtigkeit ermöglichen, ohne dass dafür ein Sommer von 2006 wiederkehren muss?
Das ist der Unterschied zwischen einem Retro-Trikot und einem Nostalgiebild als Werkzeug: Das eine reproduziert die Vergangenheit, das andere befragt sie.
Dieses Werkzeug funktioniert nicht nur bei Weltmeisterschaften. Auch Organisationen tragen ihre eigenen Sommermärchen mit sich herum: die Gründungsjahre, „als wir noch schnell waren”, der Markt, „als er noch übersichtlich war”. Wo in Strategieprozessen ein „Zurück zu früher” im Raum steht, lohnt dieselbe Frage: Welches Bedürfnis steckt hinter der Sehnsucht? Und welches Zukunftsbild ließe sich daraus bauen, statt eine Vergangenheit zu restaurieren, die es so nie gab?
Neun fehlende Sticker
Mein Panini-Heft von 2006 ist bis heute unvollständig. Eine Zeit lang hat mich das gestört. Inzwischen lese ich die Lücken anders: als Leerstellen einer vergangenen Zukunft, eines Bildes, das nie fertig war. Weder damals noch heute. Weder im Album noch im Kopf.
Zukunftsbilder und Nostalgiebilder erzählen beide von der Gegenwart. Die WM 2026 wird vergehen, das Trikot in den Sale wandern. Die Frage, welche Zukunft wir uns ausmalen, egal ob mit zwölf oder mit zweiunddreißig, bleibt.
Literaturverweise und Empfehlungen
Böttcher, L. (2021). Plädoyer für die Nostalgie. Zu den Potentialen der Nostalgie für die Zukunftsforschung. iF-Schriftenreihe Sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung, 04/2021. Institut Futur, Freie Universität Berlin. https://doi.org/10.17169/refubium-30690
Boym, S. (2001). The Future of Nostalgia. New York: Basic Books.
CLA-Handout: https://schaltzeit.com/download/CLA/CLA_Handout_mit%20Erkl%C3%A4rung.pdf
Deutschlandfunk: Behind The Games – Wer den Sport kontrolliert https://www.deutschlandfunk.de/behind-the-games-100.html
Inayatullah, S. (1998). Causal layered analysis: Poststructuralism as method. Futures, 30(8), 815–829.
Wortmann. S. (2006). Deutschland. Ein Sommermärchen. https://www.youtube.com/watch?v=KNAzOHfycLQ
Tagesschau: Instagram Beitrag zur Fußball-WM vor 20 Jahren: https://www.instagram.com/reels/Daj01AdlAkD/