30 Jahre globale Zukunftsforschung – und ein Appell zum Handeln
Strategische Vorausschau lebt von Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg. Bei Schaltzeit arbeiten wir im Austausch mit anderen Think Tanks und organisieren die Zusammenarbeit – regional, national, europäisch und international. Mit Cornelia Daheim, der Gründerin des Deutschen Knotens, arbeiteten wir für die Denkfabrik des BMAS, gemeinsam mit Foresight Solutions, Sudeco und dem IIT, unter der Leitung von Marc Bovenschulte.
Das Millennium Project – Ein globaler Think Tank für die Zukunft
Das Millennium Project ist ein internationaler, partizipativer Think Tank, der 1996 – nach einer Machbarkeitsstudie ab 1992 – gegründet wurde. Es versteht sich als „Trans-Institution“, das traditionelle Grenzen zwischen wissenschaftlichen, politischen und privatwirtschaftlichen Strukturen überschreitet: eine Plattform, auf der vielfältige Perspektiven zusammengeführt werden.

Ziel des Projekts ist es, durch interdisziplinären Austausch von Zukunftsexpert*innen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft fundierte Erkenntnisse über globale Trends und Herausforderungen zu gewinnen und Entscheidungsträger*innen bessere Handlungsoptionen für die Zukunft zu bieten. Als gemeinnützige NGO verfügt das Millennium Project über ein weltweites Netzwerk von sogenannten Nodes – aktuell über 70 Knotenpunkte rund um den Globus.
Seit seiner Gründung hat das Millennium Project innovative Methoden der Zukunftsforschung etabliert und umfangreiche Publikationen herausgegeben. Zu den zentralen Aktivitäten zählen die jährlichen „State of the Future“-Reports und der dazugehörige State of the Future Index (SOFI). Diese Publikationen fassen internationale Daten, Ergebnisse von Real-Time Delphi-Befragungen und weitere Forschungsansätze zusammen, um den Zustand und die zukünftigen Entwicklungen in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Umwelt, Wirtschaft und Technologie zu bewerten.
Die 15 Globalen Herausforderungen
Die Besonderheit des Millennium Project ist die Offenheit seines Netzwerkes: Wer will, kann sich einem Node anschließen und gemeinsam an den 15 Globalen Herausforderungen mitarbeiten. Anhand dieser wird der globale Zustand analysiert. Erstmals 1999 definiert, lauten die 15 Herausforderungen:
- Nachhaltige Entwicklung und Klimawandel: Wie kann bei gleichzeitiger Bekämpfung des Klimawandels eine nachhaltige Entwicklung für alle erreicht werden?
- Versorgung mit sauberem Wasser ohne Konflikte: Wie kann sichergestellt werden, dass alle Menschen ohne Konflikte über genügend sauberes Wasser verfügen?
- Balance zwischen Bevölkerungswachstum und Ressourcen: Wie lassen sich Bevölkerungswachstum und Rohstoffbedarf in Einklang bringen?
- Demokratisierung: Wie können aus autoritären Regimen echte Demokratien entstehen?
- Verbesserte globale Vorausschau: Wie können Entscheidungsprozesse in einer schnell wandelnden Welt durch integrierte Vorausschau verbessert werden?
- Globale IT-Konvergenz: Wie können alle Menschen von der weltweiten Konvergenz der Informations- und Kommunikationstechnologien profitieren?
- Ethischer Fokus in Marktwirtschaften: Wie kann ein ethischer Ansatz in Marktwirtschaften dazu beitragen, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern?
- Gesundheit: Wie lässt sich die Bedrohung durch neue und wiederauftretende Krankheiten sowie resistente Mikroorganismen verringern?
- Bildung und Lernen: Wie kann Bildung dazu beitragen, dass die Menschheit intelligenter und kompetenter wird, um globale Herausforderungen zu meistern?
- Frieden und Konflikte: Wie können gemeinsame Werte und neue Sicherheitsstrategien ethnische Konflikte, Terrorismus und den Einsatz von Massenvernichtungswaffen reduzieren?
- Stärkung von Frauen: Wie kann der veränderte Status von Frauen dazu beitragen, die Lebensbedingungen zu verbessern?
- Transnationale organisierte Kriminalität: Wie kann verhindert werden, dass transnationale kriminelle Netzwerke zu mächtigen globalen Akteuren werden?
- Steigender Energiebedarf: Wie kann der wachsende Energiebedarf sicher und effizient gedeckt werden?
- Wissenschaftliche und technologische Innovationen: Wie können Durchbrüche beschleunigt werden, um die Lebensbedingungen der Menschheit zu verbessern?
- Globale Ethik: Wie können ethische Überlegungen routinemäßig in globale Entscheidungen einbezogen werden?
State of the Future Report 20.0
Im September 2024 erschien die 20. Ausgabe des „State of the Future“-Reports – über 500 Seiten, die einen umfassenden Überblick über den aktuellen Zustand und die Zukunftsperspektiven der Welt liefern. Der Bericht basiert auf 29 quantitativen Variablen, die mittels internationaler Real-Time Delphi-Befragungen erhoben werden. Mit dem State of the Future Index (SOFI) 2035 wird der globale Zustand komprimiert abgebildet.
Der Report zeigt: Trotz globaler Fortschritte in vielen Bereichen bestehen wesentliche Risiken – etwa durch Umweltzerstörung, wachsende soziale Ungleichheit und technologische Herausforderungen – die nur durch internationale Kooperation und vorausschauende politische Entscheidungen bewältigt werden können. Ein besonderer Schwerpunkt liegt aktuell auf der Governance von Künstlicher Allgemeiner Intelligenz (AGI) und deren Einfluss auf die Arbeitswelt.
Der Deutsche Knoten des Millennium Project
In Deutschland wird das Millennium Project durch den Deutschen Knoten vertreten. Gegründet 2003 von Cornelia Daheim (Future Impacts), wird der Node heute gemeinsam mit Clara Jöster-Morisse geführt. Er fungiert als zentrales Bindeglied im globalen Netzwerk und repräsentiert die deutsche Perspektive in der internationalen Zukunftsforschung.
„Der Bedarf nach internationaler Zusammenarbeit in der Strategischen Vorausschau ist aufgrund der Multi-level- oder Perma- bzw. Poly-Krisen ungebrochen. Daher bietet das MP ein Dach, unter dem die Mitglieder global als auch lokal Vorhaben und Projekte vorantreiben können. Es obliegt uns allen, Antworten auf die Globalen Herausforderungen zu finden.“
Cornelia Daheim, Gründerin des Deutschen Knotens
Er trägt durch zahlreiche Projekte maßgeblich zur internationalen Zukunftsforschung bei und fördert den Wissenstransfer zwischen regionalen und globalen Akteuren. Die Bandbreite reicht von Workshops und Delphi-Studien bis hin zu Publikationen und interdisziplinären Kooperationen.
Historische Meilensteine des Deutschen Knotens
- 2003: Gründung des Deutschen Knotens (Kooperation bereits seit 2001)
- 2004: Start des „Weak Signals Wiki“ in Zusammenarbeit mit allen MP-Nodes
- 2005: Unterstützung der European Foresight Conference
- 2007: Durchführung der Impact of Technologies Survey
- 2009: Veröffentlichung der MP Nodes Survey & Publikation zu „Underrated Future Topics“
- 2011/2012: Erstellung der MP Nodes Profiles für alle Nodes
- 2015/2016: Delphi-Projekt mit Studierenden der FU Berlin zu Future of Work & Cities
- 2016/2017: Veröffentlichung von „Future of Work 2050“ in deutscher, englischer und koreanischer Sprache
- 2017: Workshop „Future of Work 2050“ an der FU Berlin (Huddle Conference)
- 2018: Kooperation mit FEN, dem Deutschen Knoten und der FU Berlin: „Gaming in Foresight“
- 2019: Veröffentlichung von Szenarien zur Zukunft von Work 2050
- 2020: Publikation „COVID und die Zukunft der Arbeit“ (deutschsprachig)
- 2023/2024: Veröffentlichung der Publikation „Geschichte des MP“ – ein historischer Rückblick auf die Entwicklung des Millennium Project
Zukunft gemeinsam gestalten – ein Appell
Als persönliches Highlight möchte ich die Publikation „Geschichte des MP“ als historischen Rückblick sowie die Publikation „COVID und die Zukunft der Arbeit“, die zeigt, wie sich Arbeit durch Digitalisierung gestützt entwickeln kann, hervorheben. Insbesondere im Feld der Zukunft der Arbeit sehe ich klare Stärken des Deutschen Knotens, die er auch bei der Gestaltung der AGI-Governance einbringen kann.
Doch 30 Jahre Millennium Project sind nicht nur ein Grund zu feiern – sie sind auch ein Auftrag an uns alle, die. 15 Globalen Herausforderungen nicht nur zu analysieren, sondern aktiv anzugehen: Klimawandel, soziale Ungleichheit, technologische Umwälzungen durch KI, Konflikte und Ressourcenknappheit – all das erfordert, dass wir nicht nur analysieren, sondern handeln.
Mein Appell: Nehmen wir die globalen Herausforderungen ernst – und adressieren wir sie in unserem täglichen Handeln. Ob als Unternehmen, als Organisation oder als Einzelperson: Jede:r kann zur Zukunftsgestaltung beitragen. Es hilft, Erfolge zu messen, gemeinsam Szenarien und Schritte zu entwerfen und Lust auf Zukunftsgestaltung zu verbreiten – ohne in Dystopien zu verfallen.
Bei Schaltzeit stellen wir uns dieser Verantwortung. Wir laden euch ein, mit uns gemeinsam die globalen Herausforderungen anzugehen – im Austausch, im Dialog, im Handeln. Denn die Zukunft gehört denen, die sie aktiv gestalten.
Lasst uns die nächsten 30 Jahre gemeinsam nutzen.
Zukünftige Herausforderungen für das Millennium Project
Das Millennium Project steht selbst vor Herausforderungen: Es gilt, eine Balance zu finden zwischen der aktiven Arbeit an inhaltlichen Themen und der Integration jüngerer Generationen. Neue Formate müssen den globalen Austausch auch digital ermöglichen. Die Nodes sollten nicht nur verteilen, sondern ihre lokale Expertise effektiver in globale Strategien einbringen.
Dabei bedarf es auch neuer Werkzeuge – sei es für globale Real-Time Delphi-Befragungen, für die Ermittlung des SOFI oder als Ersatz für das Global Futures Intelligence System (GFIS), das 2023 abgeschaltet wurde. Partizipation und Verankerung dürfen nicht abnehmen, sondern müssen zunehmen.
- Was ist ein Node?
Ein Node ist ein regionaler Knotenpunkt des Millennium Project. Jeder Node repräsentiert die Perspektive seines Landes oder seiner Region innerhalb des globalen Netzwerks. Die Aufgaben umfassen:
- Repräsentation und Kommunikation: Ein Node bringt regionale Perspektiven in das globale Projekt ein und kommuniziert die Erkenntnisse an die lokale Öffentlichkeit.
- Beitrag zu Surveys und Expert*innen-Identifikation: Nodes beteiligen sich an internationalen Umfragen, Delphi-Prozessen und der Identifikation von Expert:innen.
- Öffentlichkeitsarbeit: Nodes informieren über Aktivitäten und Publikationen des Projekts und gewinnen so weitere Interessierte.
- Eigenständige Projektumsetzung: Ein Node kann eigene Projekte initiieren, die regionale Bedürfnisse und Potenziale adressieren.
Ein besonderer Dank
Mein besonderer Dank gilt Cornelia Daheim, die den Deutschen Knoten leitet und als Zukunftsforscherin auch international immer wieder für die Relevanz von Futures Literacy einsteht. Cornelia begeistert so viele junge Menschen, sich den globalen Herausforderungen mit guter Laune und Tatkraft zu stellen – das ist unbezahlbar für die Zukunftsforschung und für uns alle.
Weiterführende Links
- The Millennium Project: millennium-project.org
- Future Impacts (Deutscher Node): future-impacts.de/millenium-project
- Deutscher Node beim MP: Germany Node
- State of the Future Report: State of the Future 20.0
- GFIS History: Global Futures Intelligence System
Quellen


