In our “3 Questions for...” section, we regularly interview experts on topics that will have a lasting impact on the future of organizations and society. From software development and artificial intelligence to strategic foresight and attitudes toward the future, sustainability, and dealing with fears about the future — we shed light on the trends and developments that help us think and act in a future-oriented way.
Über Ohnmacht, Dauerkrisen und radikale Vorstellungskraft
Peters schreibt dieses Buch aus jahrelanger Praxis in der Politik-, Wirtschafts- und Zukunftsberatung. Sein zentrales Motiv: Selbstwirksamkeit wieder erfahrbar machen. Probleme seien kein Störfall, sondern der eigentliche Treibstoff für Innovation – wenn wir lernen, sie nicht nur reaktiv zu verwalten, sondern proaktiv für die Gestaltung von Zukunft zu nutzen.
Das Buch richtet sich an Entscheidungsträger:innen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung ebenso wie an zivilgesellschaftliche Akteur:innen und Bürger:innen, die sich nicht mit Dauerkrisen und Ohnmachtsnarrativen arrangieren wollen. Peters will Debatten verschieben: weg von kurzfristiger Problemverwaltung, hin zu langfristiger Zukunftsgestaltung.
Herr Peters, warum schreiben Sie dieses Buch gerade jetzt?
Robert Peters: Weil wir in einer Zeit leben, in der wir als Gesellschaft dauerhaft im Krisen- und Alarmmodus sind. Pandemie, geopolitische Konflikte, Klimawandel, technologische Umbrüche – vieles überlagert sich. Gleichzeitig wächst das Gefühl, dass politische und gesellschaftliche Systeme kaum noch Schritt halten.
Mein Buch ist der Versuch zu zeigen: Diese Ohnmacht ist kein Naturgesetz. Sie entsteht dort, wo wir aus dem Blick verlieren, wie viel wir auch unter scheinbar widrigen Umständen bewirken können. Wir verlieren zunehmend den Glauben daran, in unserer gegenwärtigen Welt noch ein gutes Morgen erreichen zu können. Und genau hier müssen wir ansetzen, wenn Demokratie und Zukunftsgestaltung funktionieren sollen.
In Ihrem Buch sprechen Sie von „Problem First“. Was meinen Sie damit?
Robert Peters: Wir behandeln Probleme oft wie Störungen, die möglichst schnell verschwinden sollen. Das ist menschlich nachvollziehbar, aber strategisch grundfalsch. Denn es führt dazu, dass wir nur reaktiv handeln: verwalten, dämpfen, verschieben. Das sehen wir in der Politik genauso wie in Unternehmen. Das Problem daran: In einer Welt permanenter Krisen funktioniert dieses Denken nicht mehr. Probleme sind der Treibstoff für Innovation. Sie zeigen uns, wo Veränderung nötig ist. Ärger, Sorge und Angst vor Problemen und damit verbundenen Zumutungen sind dabei keine Schwäche, sondern eine Ressource. Wenn wir lernen, Probleme produktiv zu nutzen, wird aus Frust Gestaltungskraft.
Sie schreiben, dass wir den Dauerkrisen nur mit „radikaler Vorstellungskraft“ begegnen können. Was heißt das konkret?
Robert Peters: Dauerkrisen lassen sich nicht mit Routinen aus der Vergangenheit bewältigen. Wir denken Zukunft meist linear und oft negativ. Das lähmt unsere Handlungsfähigkeit.
Radikale Vorstellungskraft bedeutet, den Mut zu haben, sich eine gute Zukunft konkret auszumalen – jenseits von Krisenrhetorik und kurzfristigem Krisenmanagement. Ich nutze den Begriff „radikal“ ganz bewusst, weil ich in meiner Arbeit erlebe, dass es vielen Menschen abwegig, obszön und eben wie ein radikaler Gedanke erscheint, sich im Angesicht der vielen Krisen eine gute Zukunft vorzustellen. Vorstellungskraft wird radikal, wenn sie bestehende Denkgrenzen überschreitet und nicht nur Risiken, sondern auch Möglichkeiten sichtbar macht.
Damit diese neuen Zukunftsbilder Gehör finden, müssen sie anschlussfähig sein: Sie brauchen Sprache, Bilder und Narrative, die Orientierung geben, ohne Komplexität zu verleugnen. Und sie brauchen Räume, in denen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam über Zukunft verhandeln – nicht nur über Probleme. Nur so entsteht das, was wir dringend brauchen: Vertrauen in kollektive Gestaltungskraft.
Um diese radikalen Vorstellungskräfte zu entwickeln, sollten wir …
- uns selbst die Frage stellen: „Wie sieht ein Deutschland aus, in dem ich ganz persönlich in zehn oder fünfzehn Jahren gerne leben will?“
- auf dieser Grundlage gemeinsam in einen Aushandlungsprozess darüber eintreten, an welchem Deutschland wir gemeinsam bauen wollen
- und genau für diese Fragen Räume schaffen, in denen diese grundsätzlichen Fragen überhaupt gestellt und diskutiert werden.
Schlusswort: Ich wünsche mir, dass jede*r in unserer Gesellschaft den Glauben an die eigene und an unsere gemeinsame Gestaltungskraft als Demokrat*innen zurückgewinnt.
Foto: © Annette Koroll
Robert Peters – Land der Ohnmacht?
Das Buch „Land der Ohnmacht?“ ist ab sofort erhältlich und kann gern in der Schaltzeit-Bibliothek ausgeliehen werden.
ISBN 978-3-9879009-8-3, Bonifatius GmbH
Darüber hinaus planen wir bei Schaltzeit einen Workshop zum Thema „Radikale Vorstellungskraft“, in dem wir gemeinsam erproben wollen, wie neue Zukunftsbilder entstehen, wie sie Orientierung geben – und wie sie trotz ihrer Radikalität gesellschaftlich wirksam werden können.
Wer Lust hat, diesen Prozess mitzugestalten, ist herzlich eingeladen, sich bei uns zu melden.
Transparenzhinweis:
Die Schaltzeit GmbH arbeitet seit mehreren Jahren mit Dr. Robert Peters in verschiedenen Projekten zusammen. In seiner Funktion als Head of Foresight and Labour Research Section bei der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH steuert er bedeutende Foresight-Projekte im Bereich der öffentlichen strategischen Vorausschau. Dieses Interview basiert auf fachlicher Zusammenarbeit und inhaltlichem Austausch, nicht auf wirtschaftlicher Vergütung.


