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Ein Experiment in kollektiver Zukunftsgestaltung

Einblicke aus dem Futures Innovation Lab in Bratislava

Wie viele Zukünfte siehst du? Und was passiert, wenn Menschen aus zehn europäischen Ländern zusammenkommen, um über Futures Literacy zu sprechen? Eine Zukunft? Zwei oder drei, wenn du optimistisch bist? Oder hunderte?
Genau darum ging es in Bratislava. Nicht um die Zukunft, die auf uns zukommt – sondern um die vielen Zukünfte, die wir gemeinsam denken, fühlen und gestalten können. Die UNESCO beschreibt Futures Literacy als die Fähigkeit, „die Zukunft zu nutzen, um die Gegenwart besser zu verstehen“ – und genau das wurde in diesen drei Tagen erfahrbar: Futures Literacy ist eine Haltung, kein Werkzeug.

Zukunft als Herausforderung – und als Gestaltungsraum​

Viele junge Menschen erleben Zukunft heute weniger als Versprechen, sondern als Belastung. Klimakrise, soziale Ungleichheiten, politische Fragilität – all das erzeugt ein Gefühl von Unsicherheit, manchmal auch von Futurelessness: dem Eindruck, keine echte Zukunft vor sich zu haben.

Das von YouthWatch organisierte und durch Erasmus+ unterstützte Futures Innovation Lab war kein klassisches Training, sondern eine Unconference: es gab genug Struktur, um Sicherheit zu geben, und gleichzeitig genug Offenheit, damit die Teilnehmenden das Lab selbst gestalten konnten. Sie machte es möglich, Unsicherheit auszuhalten und gleichzeitig ins gemeinsame Tun zu kommen.

Drei Tage gemeinsames Erfahren​

Tag 1 war dem Öffnen von Denk- und Möglichkeitsräumen gewidmet. In Formaten wie Futures Dating oder World Café diskutierten wir Fragen wie: Was verstehen wir unter einer „guten“ Zukunft? Welche Bilder von Zukünften prägen unseren Umgang mit jungen Menschen? Und wie können wir helfen, mit Unsicherheit umzugehen? 

Was mich beeindruckte: Wie schnell aus Fremden ein denkendes, fühlendes Kollektiv wird, wenn der Raum stimmt. Am Ende des Tages hatten wir eine gemeinsame Sprache gefunden, um am nächsten Tag tiefer zu gehen.

Tag 2 war das Herzstück: selbstorganisierte Workshops und volle Co-Creation. Ziel war es, eigene Kompetenzen einzubringen und neue Methoden kennenzulernen.

In Adinas Scenario-Co-Creation-Workshop wurden wir zu Gestalter:innen eines Zukunftsfilms: Mit verschiedenen KI-Tools entwickelten wir ein Szenario für Bratislava 2050, inklusive narrativer Figuren und konkreter Erlebnisse. In der Hauptrolle: eine Futureversion von Dora the Explorer.

Was ich mitgenommen habe: Szenarien wirken besonders dann, wenn sie nicht abstrakt bleiben, sondern emotional und visuell erfahrbar werden.

In meinem CLA-Workshop zur Zukunft des Wohlstands arbeiteten wir uns durch die vier Ebenen der Causal Layered Analysis aus der kritischen Zukunftsforschung nach Sohail Inayatullah – von sichtbaren Symptomen wie Konsum und BIP über systemische Logiken bis zu tiefen Metaphern wie „Mehr haben = gutes Leben“.

Was mich berührte: Mehrere Teilnehmende beschrieben danach ein Gefühl von neuem Optimismus: nicht wegen einfacher Lösungen durch die CLA, sondern weil die Methode Perspektiven und Handlungsspielräume öffnet.

Weitere Workshops reichten von Design Thinking zur Mobilität 2045 in Bratislava über partizipative vs. Expert:innengeführte Zukunftsprozesse bis hin zu Emotional Landscapes, Gamification, Degrowth und dekolonialen Perspektiven. Dabei wurde deutlich, dass es nicht um die „richtige“ Methode, sondern um die bewusste Wahl im jeweiligen Kontext und die Haltung, mit der wir sie einsetzen.

Tag 3: Der letzte Tag fühlte sich weniger nach Abschluss an als nach Integration. Erste Projektideen entstanden, Netzwerke verdichteten sich. Weniger als fertige Konzepte, mehr als Samen für zukünftige Zusammenarbeit.
Für mich war dieser Tag vor allem ein Moment des Zusammenfügens: Die vielen Eindrücke ergaben ein Bild davon, wie kraftvoll Zukunftsarbeit sein kann, wenn sie kollektiv getragen wird.

Was bleibt, und was sich öffnet​

Was ich aus Bratislava mitnehme, ist vor allem eine Liste an Erfahrungen die nachhallt:
  • Zukunftsarbeit wird tragfähiger, wenn sie kollektiv gedacht wird.
  • Komplexe Probleme müssen nicht lähmen, wenn wir sie als Einladung zum gemeinsamen Erkunden begreifen.
  • Die Vielfalt an Zukunftsansätzen war inspirierend – ebenso das Lernen von- und miteinander in der Gruppe und durch gemeinsames Ausprobieren.
  • Beziehungen und Zwischenräume – Gespräche ohne Agenda, gemeinsames Essen, Lachen – sind kein Nebenprodukt, sondern Teil wirksamer Zukunftsarbeit.

Vielleicht liegt genau hier eine oft unterschätzte Qualität von Futures Literacy: Sie macht Zukunft weniger einsam.

Eine offene Frage zum Schluss

​Wie viele Zukünfte erlauben wir uns eigentlich im Alltag zu denken: in Organisationen, in Projekten, in Entscheidungen? Vielleicht ist die Antwort heute eine andere als gestern.

Die Tage in Bratislava haben gezeigt: Wenn wir Räume schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen dürfen, verändert sich nicht nur unser Blick auf Zukunft, sondern auch unser Handeln in der Gegenwart.

Ich komme inspiriert und motiviert zurück nach Berlin – mit einem Werkzeugkasten an neuen Methoden und Ansätzen. Nicht als fertige Lösungen, sondern als Angebote: zum Ausprobieren, Weiterdenken, Anpassen. Diese Erfahrung nehme ichauch mit in meine Arbeit bei Schaltzeit. Dort, wo wir Räume für gemeinsame Zukunftsgestaltung öffnen, für Kund:innen und als öffentliche Einladung.

Wenn dich Zukunftsarbeit interessiert: Komm gern zu einem unserer nächsten Workshops oder melde dich bei uns: https://schaltzeit.com/veranstaltungen/

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